Eines muss man Recep Tayyip Erdogan ja lassen: An Unverfrorenheit wird der türkische Präsident so schnell von niemandem übertroffen. Dies zeigt sein Wunsch, während des kommenden G-20-Treffens eine Großkundgebung mit Anhängern in Deutschland zu veranstalten. Zum Glück hat die Bundesregierung schnell reagiert und das Begehren aus Ankara abgelehnt. Dass Union und Sozialdemokraten in dieser außenpolitisch durchaus heiklen Angelegenheit keinerlei parteitaktische Spielchen versuchten, spricht für solide Zusammenarbeit auch auf den letzten Metern der Legislaturperiode. Ein solches Verantwortungsbewusstsein der schwarz-roten Koalition ist aller Ehren wert.

Abgesehen davon, bleibt die Frage, was sich Erdogan bei seinem Redewunsch eigentlich gedacht hat. Zu Hause in der Türkei tritt er die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit mit Füßen, sperrt Oppositionelle ein und hetzt gegen Deutschland. Und nun soll ihm ausgerechnet im „bösen Ausland“ erneut eine Bühne für öffentliche Agitation geboten werden? Das ist politisch abwegig – es sei denn, Erdogan hätte gleichzeitig inhaftierte Gegner wie den deutschen “Welt”-Journalisten Deniz Yücel freigelassen. Doch davon war leider am Bosporus nie die Rede.

Im Übrigen stehen momentan nicht genügend Sicherheitskräfte für eine Massenveranstaltung mit Erdogan bereit. Während des bevorstehenden G-20-Gipfels in Hamburg werden sie für andere Zwecke gebraucht. Grund ist die hohe Zahl an höchst gefährdeten Politikern von Trump über Putin bis hin auch zu Erdogan. Sie gilt es zu schützen. Das ist schon schwierig genug. Für Extrawünsche von unerfreulichen Gästen, die obendrein noch den inneren Frieden in Deutschland bedrohen, darf da kein Platz sein. Hier gehen die Sicherheit der G-20-Teilnehmer, das Wohl der in der Hansestadt eingesetzten Polizisten, kurz: das nationale Interesse vor.

Wenn Erdogan gern in Deutschland reden möchte, dann bitte nur mit den verantwortlichen Politikern. Da gibt es durchaus Bedarf und auch grundsätzliche Gesprächsbereitschaft. Denn alle großen Parteien in Berlin würden gute Beziehungen zu Ankara begrüßen. Allerdings setzen diese eine Rückbesinnung der Türkei auf demokratische und rechtsstaatliche Standards voraus. Und davon scheint Erdogan derzeit leider nicht das Geringste wissen zu wollen…

(Für Pressekorrespondenz Berlin)