Die Wahl Frank-Walter Steinmeiers zum Bundespräsidenten ist keineswegs so glanzvoll gelaufen, wie die Mehrheit von rund 75 Prozent der Stimmen in der Bundesversammlung zunächst vermuten lässt. Denn Steinmeier trat als Kandidat von Union und SPD praktisch ohne Konkurrenz an. Damit relativiert sich die Zahl. Sie ist ordentlich, keineswegs überragend.

Das Votum spiegelt drei aktuelle Hypotheken Steinmeiers wider: Erstens verdankt der frühere Außenminister sein neues Amt einer taktischen Hinterzimmerkungelei von drei Parteivorsitzenden. So etwas stößt viele Bürger ab. Zweitens wären mit Norbert Lammert und Winfried Kretschmann mindestens zwei gleich gute, wenn nicht bessere Bewerber denkbar gewesen. Und drittens schwächelt Steinmeier – ungeachtet seiner sonstigen persönlichen und fachlichen Qualitäten – bei einer der wichtigsten Eigenschaften eines erfolgreichen Bundespräsidenten: der Kunst der großen und aufrüttelnden Rede.

Auch für diesen Bundespräsidenten gilt daher: er muss erst noch in sein Amt hineinwachsen. Steinmeier hat genügend Expertise und Erfahrung, um dies zu schaffen. Vor allem seine außenpolitische Kompetenz könnte ihm dabei nützlich sein. Denn nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten werden international viele Weichen neu gestellt. Für die deutsche Politik ist dies Neuland voller Risiken. Da kann ein Bundespräsident wie Steinmeier im Hintergrund durchaus hilfreich sein. Er genießt weltweit hohen Respekt und kennt die wichtigsten Akteure aus vielen persönlichen Gesprächen. Doch mehr als Ratschläge und Appelle können von Steinmeier nicht mehr kommen. Das verbietet das neue Amt. Für die praktische Außenpolitik ist aus gutem Grund allein die Bundesregierung zuständig.

Fast noch wichtiger ist, dass der neue Bundespräsident seine Integrationsaufgabe im Inneren bestmöglich erfüllt. Die hohe Zahl von rechten Protestwählern in Deutschland und in der EU, Sorgen um den Zusammenhalt der Gesellschaft, Angst vor einer drohenden sozialen Spaltung, Probleme bei der Eingliederung von immer mehr Flüchtlingen – dies sind nur einige der brisanten Themen, die viele Bürger momentan an der Stabilität unserer Demokratie zweifeln lassen. Ein Bundespräsident kann und muss hier in Reden und persönlichen Begegnungen im positiven Sinne entgegenwirken. Steinmeier steht damit vor einer großen Aufgabe. Man kann nur wünschen, dass er sie löst.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)