Wenige Monate vor der Bundestagswahl werden die Grünen zu Recht nervös. Ihre jüngsten Ergebnisse bei Landtagswahlen waren mäßig, die Wahlkampfziele zünden nicht, und die beiden Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir wirken zwar präsentabel, aber keineswegs begeisternd. Daran dürfte auch das jetzt vorstellte Zehn-Punkte Programm für Koalitionsverhandlungen wenig ändern.

Es enthält keinerlei positive Überraschungen. Lediglich die demonstrative Zustimmung von Parteigrößen wie Jürgen Trittin, Winfried Kretschmann und Robert Habeck mag parteiintern für etwas zusätzlichen Rückenwind sorgen. Das allein wird aber nicht reichen. Die Grünen brauchen eine zentrale, populäre Botschaft mit Alleinstellungsmerkmal. Aber die ist weit und nicht zu sehen.

Auch das Spitzenteam kann diese inhaltliche Schwäche nicht überspielen. Im Gegenteil, Göring-Eckardt und Özdemir verstärken die momentane Konturlosigkeit der Grünen zusätzlich. Beide agieren zwar ohne größere Pannen oder gar Fehler. Aber mehr ist auch nicht zu vermelden. Und wenn sie etwa beim Thema Türkei öffentlich stark wahrgenommen werden, können sie daraus kaum politisches Kapital schlagen. Dafür sind solche außenpolitischen Fragen nicht wahlrelevant genug. Auch bewegen sich die Grünen hier im Mainstream der Berliner Politik. Das ist ehrenwert und vernünftig. Nur Wahlerfolge lassen sich so nicht erzielen.

Hinzu kommt, dass die Grünen unter dem Wiedererstarken der FDP leiden. Die Liberalen sind wegen ihres Chefs Christian Lindner auf dem besten Weg zurück in den Bundestag. Damit verlieren die Grünen aus Sicht bürgerlicher Wähler ihre bisherige Position als wichtigster Mehrheitsbeschaffer für eine mögliche Regierung jenseits der großen Koalition. Dieses Aus als Funktionspartei mag überzeugten grünen Anhängern egal sein. Für die wachsende Zahl von Wechselwählern, die strategisch votieren, spielt dieser Machtaspekt jedoch eine wichtige Rolle.

Nur ein kleines Wunder kann die Grünen noch aus dieser misslichen Lage befreien. Denn inhaltlich haben sie ihr Pulver mit dem jüngsten Zehn-Punkte Programm verschossen. Und personell geht auch nichts mehr. Göring-Eckardt und Özdemir sind intern zu stark, um sie vorzeitig abzulösen und in der Außenwirkung zu schwach, um das Blatt zu wenden. Da heißt es für die Grünen bis zur Bundestagswahl wohl nur noch: Augen zu und durch…

(Für Pressekorrespondenz Berlin)