Der Verzicht der Parteilinken Simone Peters auf eine Kandidatur für den Grünen-Vorsitz war überfällig. Denn Peters hatte es seit 2013 nie verstanden, aus dem Schatten ihres Kollegen Cem Özdemir herauszutreten. Sie musste deshalb bei der kommenden Wahl eine peinliche Schlappe befürchten, zumal mit der niedersächsischen Fraktionschefin Anja Piel jetzt eine starke Kandidatin ebenfalls vom linken Flügel eine Bewerbung angekündigt hat.

Özdemir hatte sich während der erfolglosen Jamaika-Sondierungen großen Respekt über die Parteigrenzen hinweg erworben. Dieses breite Ansehen wäre für die Grünen wie ein politischer Lottogewinn, wenn sie sich durch Lagerdenken und Quotenregelungen nicht selbst wieder ein Bein gestellt hätten. Denn dass Özdemir mangels Erfolgsaussichten nicht einmal für den Chefposten in der Bundestagsfraktion kandidieren will, dürfte bei den meisten Bürgern auf Unverständnis stoßen.

Durch den Verzicht von Peters kann die Partei den Imageschaden durch Özdemirs unfreiwillige Degradierung vielleicht etwas abmildern. Denn es wäre schon ein politischer Treppenwitz gewesen, wenn die erfolglose Peters hätte bleiben dürfen, während mit Özdemir der bei den Wählern mit Abstand beliebteste Grüne gehen muss. Für die Partei ist dessen lange angekündigter Rückzug vom Vorsitz auch so schon ein herber Verlust.

Es wird daher höchste Zeit, dass die Grünen ihre eingetretenen Pfade verlassen. Leistung statt Lagerzugehörigkeit sollte das alleinige Kriterium bei der Auswahl des Spitzenpersonals werden. Zur Nagelprobe hierfür wird die Frage, ob Robert Habeck trotz seines Kieler Ministeramts – zusammen mit einer anderen Person – Ende Januar die Nachfolge von Özdemir und Peters antreten kann. Die bislang bei den Grünen vorgeschriebene Trennung von Parteiamt und Ministerposten steht dem eigentlich entgegen. Habeck fordert deshalb zumindest eine einjährige Übergangsfrist. Das ist das Mindeste, was ihm die Grünen zubilligen sollten.

Klüger wäre es, vollständig auf die Regelung zu verzichten. Sie zeugt nur von Misstrauen gegenüber den eigenen Leuten. Lediglich die anderen Parteien dürfen sich über diese machtpolitische Selbstverstümmelung der Grünen freuen. Der personellen Erneuerung muss deshalb zwingend die strukturelle Modernisierung der Parteispitze folgen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)