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Erst die Stimmenzuwächse in Bayern, jetzt ein überragendes Ergebnis bei der Hessenwahl: Die Grünen können momentan vor Kraft kaum laufen. Dies beruht etwas auf Glück, aber vor allem auf eigenen Leistungen. Denn die früheren Spontis und Öko-Aktivisten haben sich dermaßen professionalisiert, dass sie auf dem besten Wege sind, der Union und den Sozialdemokraten den Charakter von Volksparteien zu nehmen. Viele Bürger sehen in den Grünen bereits die eigentliche Interessensvertretung der Bürger- und Mittelschicht: umweltbewusst, sozial und leistungsorientiert.

Entsprechend groß ist nach den jüngsten Wahlerfolgen der öffentliche Erwartungsdruck. Wer für die Grünen stimmte, will politische Veränderungen. Bleiben sie aus, könnte der aktuelle Höhenflug von Habeck und Co. aber auch schnell mit einer Bruchlandung enden – sehr zur Freude von Radikalen vom rechten Rand.

Allerdings spricht einiges dafür, dass sich die Grünen auf hohem Niveau stabilisieren können. Erstens verfügen sie mit Annalena Baerbock und Robert Habeck über politisch unverbraucht wirkende Parteichefs mit Charme und Charisma. Zweitens hat ihr Megathema Klimawandel Hochkonjunktur und könnte zum politischen Dauerbrenner werden. Und drittens haben die Grünen in reichen Ländern wie Baden-Württemberg und Hessen bewiesen, dass sie sehr effektiv und erfolgreich regieren können. Das hat ihnen speziell im Bürgertum Respekt eingebracht – siehe die große Beliebtheit von Winfried Kretschmann oder Tarek Al-Wazir.

Hinzu kommt, dass sich die Grünen von der einstigen Nähe zur SPD gelöst haben. Lange Zeit galt Rot-Grün als ihre einstige Machtoption. Dies ist mittlerweile Geschichte, wie Grün-Schwarz in Baden-Württemberg und jetzt Schwarz-Grün in Hessen bewiesen haben. Ähnlich sieht es in Schleswig-Holstein aus. Und im Bund hätte es nach der letzten Bundestagswahl fast ein Jamaika-Bündnis mit Union und FDP gegeben, wenn die Liberalen nicht in letzter Minute abgesprungen wären.

Kurzum, die Grünen sind aus der Mitte des politischen Prozesses nicht mehr wegzudenken – ein Gewinn für die Demokratie. Denn egal was man von ihren Forderungen im Einzelnen halten mag, in ihrer jetzigen Grundverfassung gehören sie klar zum Spektrum der staatstragenden, europafreundlichen und weltoffenen Parteien, denen Deutschland seine Liberalität und seinen Wohlstand verdankt.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)