Es ist weniger als 20 Jahren her, dass in Belgrad Kriegstreiber schlimmsten Kalibers herrschten. Der Balkan erlebte damals eine beispiellose Welle der Gewalt und des Elends, die ganz Europa erschütterte. Vor diesem Hintergrund gewinnt die jüngste Präsidentenwahl in Serbien ihre eigentliche Bedeutung.

Aleksandar Vučić ist gewiss kein geborener und lupenreiner Demokrat. Aber der alte und neue starke Mann Serbiens steht für Stabilität und eine weitere Annäherung an die EU. Und das kann angesichts der aktuellen internationalen Krisen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Serbien ist aufgrund seiner Größe und Geschichte ein Schlüsselstaat für die gesamte Region. Deshalb ist es für die Europäische Union so wichtig, das Land bei seinen politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Reformen zu unterstützen. Der angestrebte Beitritt zur EU liegt zwar momentan noch in Ferne. Aber eine solche Perspektive motiviert die Serben, ihr Heil nicht länger im früheren Hass und Nationalismus zu suchen. Und das ist gut für sie und für Europa.

Vučić hat sich hierbei als verlässlicher Anführer erwiesen. Sein Bruch mit der eigenen radikalen Vergangenheit mag opportunistisch gewesen sein. Auch die demonstrativ guten Beziehungen zu Russland mögen nicht jedem in Westeuropa gefallen. Doch zwischen Moskau und Belgrad gab es stets besonders enge Bindungen. Hier knüpft Vučić geschickt an Traditionen und Erwartungen seiner Wähler an.

Dem Ruf des künftigen Präsidenten im Ausland haben diese Konzessionen an die realen Machtverhältnisse nicht geschadet. Im Gegenteil, sowohl die deutsche Bundeskanzlerin als auch der russische Präsident haben Vučić während seines Wahlkampfs empfangen und so in den Augen seiner Landsleute aufgewertet. Manche dürften gar an die Tito-Zeiten gedacht haben, als Belgrad unabhängig und selbstbewusst zwischen den Blöcken agiert hatte. Eine solche Erinnerung stärkt das nationale Selbstwertgefühl, auch wenn sie mit der heutigen Lage Serbiens nichts mehr gemein hat.

Die EU und vor allem Deutschland, wo Hunderttausende Bürger mit serbischen Wurzeln leben, sollten Vučić jetzt bei weiteren Reformen helfen. Denn je stabiler und demokratischer sich Serbien entwickelt, desto besser auch für die Interessen Berlins und Brüssels – von der Flüchtlingsfrage bis hin zur allgemeinen Friedenssicherung.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)