Seite auswählen

Gelegentlich hilft ein Blick zurück, um sich besser zu orientieren. Dies sollten gerade viele Ostdeutsche beherzigen, die sich in diesen Tagen über vermeintliche Flüchtlingswellen  und soziale Ungerechtigkeiten beklagen. Denn all dies sind Belanglosigkeiten im Vergleich zu Unterdrückung und Schießbefehl, die die früheren Zustände östlich der Elbe kennzeichneten.

Die Berliner Mauer stand 28 Jahre lang für Unfreiheit und Terror. Seit ebenfalls 28 Jahren gibt es sie jetzt nicht mehr – ein Grund zur Freude und ein guter Anlass, sich gerade in den neuen Bundesländern wieder einmal auf die wichtigsten Dinge in der Politik zu besinnen: Frieden und Freiheit.

Doch davon ist in vielen Teilen der früheren DDR leider wenig zu spüren. Stattdessen werden dort Ausländer diffamiert und Neonazi-Parolen verbreitet – siehe beispielhaft die jüngsten Vorgänge in der Stadt Cottbus. Wer so handelt, hat nichts aus der Geschichte gelernt. Er verdient keinerlei Verständnis oder gar Solidarität.

Zwar wird inzwischen als Reaktion auf die Ausschreitungen in Cottbus auch für ein „Leben ohne Hass“ demonstriert. Dies ist erfreulich, aber es ändert nichts an der zumeist negativen Grundstimmung gegenüber allem Fremden. Verständliche Kritik an einzelnen Missständen wird verallgemeinert und mündet in einer pauschalen Verunglimpfung des demokratischen Rechtsstaats. Motto: „Die da oben“ denken vor allem an sich und werfen Flüchtlingen das Geld nur so hinterher.

Gewiss, solche Denkweisen finden sich auch im Westen der Republik. Doch auf dem Gebiet der früheren DDR sind sie besonders weit verbreitet. Angesichts der dortigen Erfahrungen mit der Berliner Mauer ist dies doppelt beschämend. Denn wer 28 Jahre lang hinter diesem Schandmal lebte, sollte eigentlich immun gegen Angriffe auf die Menschenwürde sein.

Außerdem wurde die Überwindung der Berliner Mauer im November 1989 zu einer Sternstunde deutscher Geschichte – Freiheitsstreben pur. Damals riskierten Ostdeutsche alles für ein Leben in einer freien, sozialen Wirtschaftsordnung und mit den Werten des Grundgesetzes. Auch diese Erinnerung sollte den Wert von Demokratie gerade in den neuen Bundesländern unterstreichen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)