Der förmliche Beitritt der NATO zur Anti-IS-Koalition ist eine Konzession an den amerikanischen Präsidenten. Donald Trump kann dies nach Rückkehr in Washington als persönlichen Erfolg verkünden. Doch der Brüsseler Beschluss birgt das Risiko einer weiteren Eskalation – weniger militärisch als politisch. Denn alle NATO-Mitglieder beteiligen sich bereits am Kampf gegen den IS. Für sie ändert sich militärisch wenig. Dagegen können sich die islamistischen Terroristen jetzt ideologisch aufgewertet fühlen, frei nach dem Spruch: Viel Feind, viel Ehr.

Das hat ideologisch einiges Gewicht. Denn eine solche Frontstellung zum großen Militärbündnis des Westens verfestigt die alten Feindbilder im Nahen Osten und wird dem IS weiteren Zulauf bei fanatisierten Jugendlichen bescheren. Dabei sollte auch den NATO-Strategen klar sein, dass der Kampf gegen den Islamischen Staat allein mit militärischen Mitteln nicht zu gewinnen ist – so wichtig ein Waffengang kurzfristig auch sein mag. Langfristig bedeutsamer ist es, die sozialen und religiösen Wurzeln des Terrors zu beseitigen sowie den Westen nicht länger als vermeintliche Bedrohung einer islamischen Lebensweise empfinden zu lassen.

Mit der NATO als formeller Teil der Anti-IS-Allianz erhalten die Terroristen neue Propagandamunition, um sich fälschlicherweise als Widerständler gegen eine westliche Übermacht zu inszenieren. Dabei sind sie in Wahrheit keine ehrenwerten Moslems sondern bloß enthemmte Kriminelle schlimmsten Kalibers.

Im Übrigen warnt Außenminister Gabriel zu Recht davor, dass die NATO in einen Kampfeinsatz gegen den IS hineinschlittern könnte. Das wäre heikel – nicht weil militärische Mittel gegen die Terroristen prinzipiell falsch sind, sondern weil die westliche Allianz damit ihren klassischen Verteidigungsauftrag allzu weit auslegt.

Die Versuchung, ständig nach der NATO zu rufen, ist angesichts ihrer Ressourcen groß. Aber ebenso groß ist das Risiko einer gefährlichen Überdehnung und damit eines schleichenden Endes der Allianz. Das wäre fatal. Deshalb mögen einzelne Mitgliedsstaaten wie bisher bei Bedarf und entsprechender Rechtsgrundlage Kampfeinsätze durchführen. So etwas kann wie im Fall Afghanistan oder IS sinnvoll, ja geboten sein. Aber letztlich sollte hier jede Nation einzeln für sich entscheiden, wie weit sie gehen will. Die NATO als Ganzes muss sich stärker auf ihre Kernaufgabe konzentrieren: Schutz des Bündnisgebietes.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)