Die SPD-Führung steht auch nach dem positiven Ausgangs des Mitgliedervotums mächtig unter Druck. Erstens ist ein programmatischer Neubeginn überfällig, um die Partei für Wähler wieder attraktiver zu machen. Zweitens drohen die anstehenden Personalentscheidungen das aktuell eher positive Bild der Partei wieder zu trüben. Vor allem die Frage, ob Sigmar Gabriel Außenminister bleiben darf, ist heikel. Denn kaum ein Bürger hat Verständnis dafür, dass der überaus beliebte und erfolgreiche Ressortchef wegen interner Animositäten angeblich gehen soll.

Ganz abgesehen davon darf sich die SPD-Spitze nicht täuschen: Als einfacher Abgeordneter ohne jegliche Kabinettsdisziplin könnte Gabriel für sie noch unbequemer werden. Der frühere Parteichef fühlte sich schon durch den zunächst geplanten Wechsel von Martin Schulz ins Außenministerium politisch und menschlich verletzt. Entsprechend hart und medienwirksam war seine Reaktion. Beschädigt wurden dabei alle Beteiligten, auch Gabriel selbst. Der Minister zeigte sich als schlechter Verlierer, während die seinerzeitige Parteiführung undankbar gegenüber einem verdienten Genossen und persönlich karrieresüchtig wirkte. Soll sich ein solches Spektakel im Stile einer politischen Seifenoper etwa in verschärfter Weise wiederholen? Nur die Gegner der SPD könnten dann frohlocken.

So oder so: Die Zukunft der SPD hängt nicht von einer Neubesetzung des Auswärtigen Amts ab. Dafür ist Gabriel zu populär und der inhaltliche Konsens  mit der Union bei den Themen Europa, Sicherheit und transatlantische Beziehungen zu breit. Die programmatische Profilierung betrifft daher eher Bereiche wie Arbeit und Soziales, Finanzen und Umwelt. Dort können künftige SPD-Minister viele neue Akzente setzen – sowohl für die aktuelle Regierungspolitik als auch für die künftige Ausrichtung der Sozialdemokraten.

All dies ist in der bisherigen Großen Koalition nur unzureichend geschehen.  Die Kanzlerin dominierte die öffentliche Wahrnehmung. Die SPD-Minister standen aus Wählersicht  zu oft in der zweiten Reihe – ein Eindruck, den die neue Parteiführung dringend ändern sollte. Dazu muss sie alle Kräfte bündeln statt jetzt ohne Not für Unruhe zu sorgen, indem leichtfertig auf die Mitarbeit eines Profis wie Gabriel verzichtet wird.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)