Endlich: Die türkischen Wahllokale in Deutschland sind geschlossen. Damit ist die ärgste Gefahr von weiteren Zuspitzungen im Verhältnis zu Ankara gebannt. Der Schaden, den Präsident Erdogan und seine Mitstreiter angerichtet haben, ist auch so schon groß genug. Ihre schändlichen Nazi-Vergleiche werden die Beziehungen noch lange belasten. Erfreulicherweise schreckte Erdogan vor der schlimmsten Eskalation zurück – persönlich zu einer aufputschenden Wahlveranstaltung nach Deutschland zu kommen.

Jetzt heißt es, auf das Ergebnis zu warten – sowohl zum Referendum insgesamt als auch für die heiklen Abstimmung in Deutschland. Die Zahlen werden zeigen, wie groß jeweils der Rückhalt für demokratische und rechtsstaatliche Werte ist. Das kann weitreichende Konsequenzen haben – Stichworte Beitrittsperspektive zur EU und Integration der hier lebenden Türken in Staat und Gesellschaft Deutschlands.

So lassen sich Unterstützung für ein autoritäres Regime im Ausland und gleichzeitig Pochen auf einen deutschen Pass kaum dauerhaft vereinbaren. Die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft ist schließlich kein Selbstzweck gewesen. Sie soll Verbundenheit mit der Heimat Türkei und Integration in die hiesige Demokratie unter einen Hut bringen. Der jüngste türkische Wahlkampf weckt Zweifel, ob dies tatsächlich ein tragfähiges Konzept ist.

Die im Ausland lebenden Türken wussten, was für sie ganz persönlich auf dem Spiel steht. Die im Vergleich zur letzten Parlamentswahl relativ hohe Stimmbeteiligung bestätigt dies.

Noch wichtiger ist der Wahlausgang für die Lage in der Türkei selbst. Gewinnt Erdogan, dann dürften am Bosporus schwere Zeiten beginnen. Der Präsident hat seit dem gescheiterten Putschversuch mit harter Hand Jagd auf Gegner und unbescholtene Bürger gemacht. Die Gefängnisse sind entsprechend voll, bürgerliche Existenzen von Lehrern, Beamten. Journalisten werden systematisch zerstört.

Dabei schrecken Erdogans Handlanger in Polizei und Justiz vor keiner Willkür und keiner Lüge zurück, wie beispielsweise der ebenso spektakuläre wie skandalöse Fall des inhaftierten Deniz Yücel zeigt – eines Journalisten mit deutschem und türkischem Pass. Auch über solche Schicksale haben die im Ausland lebenden Türken jetzt mit ihrer Stimmabgabe de facto mitentschieden.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)