Natürlich dürfen Russland und Weißrussland eine Militärübung an den Grenzen zu Polen und Litauen abhalten. Die NATO veranstaltet schließlich auch Manöver an Orten und zu Zeiten, die sie selbst bestimmt. Gleichwohl ist „Sapad 2017“ höchst problematisch. Denn die Umstände wecken zu Recht Zweifel im Westen, dass Moskau wie vertraglich vereinbart mit offenen Karten spielt, sprich: die Anzahl der beteiligten Soldaten korrekt nennt. Augenscheinlich redet der Kreml die Übung klein, um keine ausländischen Beobachter zulassen zu müssen. Damit wird das ohnehin schon große Misstrauen zwischen der NATO und Russland weiter verstärkt.

Vor allen die baltischen Staaten sorgen sich verständlicher, dass es hier um mehr als eine Routineübung geht. Denn Moskau lässt schon gerne einmal die Muskeln gegenüber Esten, Letten und Litauern spielen. Die Botschaft: Seht Euch vor, denn im Grunde gehört ihr als ehemalige Sowjetrepubliken weiter zu unserem Einflussbereich. Und wozu der Kreml bei passender Gelegenheit seine Soldaten alles einsetzt, lässt sich momentan auf der Krim und in der Ostukraine studieren.

Moskau behauptet demgegenüber stets, man fühle sich vom Westen bedroht und eingekreist. Dies rechtfertige entsprechende Gegenmaßnahmen. Solche russischen Befürchtungen sind zwar objektiv unbegründet; die NATO ist schließlich ein Verteidigungs- und kein Angriffsbündnis. Aber selbst wenn die Moskauer Wahrnehmung subjektiv nachfühlbar wäre – was sie nicht ist -, sollten Manöver im Stil von „Sapad 2017“ besser unterbleiben. Denn sie mögen zwar militärische Fähigkeiten trainieren, doch im Gegenzug produzieren sie auch politische Unsicherheit und damit Unfrieden zwischen Nachbarn.

Vertrauensbildende Gesten und Gespräche statt Geschütze und Geheimniskrämerei – nur so kann dauerhaft die Sicherheit aller Akteure gewährleistet bleiben. Dazu scheint der Kreml momentan leider nicht bereit zu sein. Präsident Putin rüstet stattdessen auf und lässt die militärischen Muskeln spielen, um wie die frühere UdSSR als globale Großmacht respektiert zu werden. Dies mag vor der Präsidentenwahl im kommenden Jahr auch machttaktische Gründe haben. Denn auf diese Weise kann Putin wohl noch am leichtesten von der wirtschaftlichen Schwäche Russlands und anderen Misserfolgen seiner Regierungszeit ablenken.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)