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Nach der womöglich schwersten Flüchtlingstragödie in diesem Jahr fordern verschiedene Hilfsorganisationen, die Rettungsaktionen im Mittelmeer unverzüglich wieder aufzunehmen. Recht haben sie. Es ist Christen- und Bürgerpflicht, Menschen in Lebensgefahr ohne Ansehen der Person sofort zu helfen. Auf der anderen Seite haben Staaten auch die Pflicht, ihre Grenzen zu schützen und den Zusammenhalt des Gemeinwesens zu sichern. Es ist Aufgabe von Politikern, hier humane und zugleich praktikable Lösungen zu finden. Es ist eine Schande, dass dies in der EU bislang nicht gelungen ist.

Die Folgen sind fatal. Es sterben tausende Menschen, die der Not in ihrer Heimat entfliehen wollten und sich in Europa eine bessere Zukunft versprochen hatten. Gleichzeitig werden die politischen Gräben innerhalb der EU-Staaten immer tiefer.

Radikale Menschenrechtler fordern, die Grenzen für alle Armen und Hilfssuchenden weit zu öffnen. Nationale Gesichtspunkte spielen hierbei keine Rolle, für solche Aktivisten zählt allein die konkrete Person – unabhängig von Herkunft und Gründen, die zur Migration nach Europa veranlassten. Entsprechend nachdrücklich unterstützen sie die Schiffe von privaten Hilfsorganisationen, die Flüchtlinge aus Seenot retten und in die Häfen von Anrainerstaaten bringen wollen.

Doch was gut gemeint und moralisch richtig ist, kann leider auch politisch unerwünschte Nebenwirkungen haben. Viele Bürger der Aufnahmeländer fühlen sich überfordert, sie radikalisieren sich und folgen populistischen Parteien, die ihnen Abschottung und die Rückkehr in eine vermeintlich bessere Vergangenheit versprechen.

Roms Innenminister Salvini ist vielleicht der geschickteste Nutznießer dieser Entwicklung. Jedes Schiff, das ohne Erlaubnis Flüchtlinge nach Italien bringen will, stärkt seine Position und treibt den Populisten mehr Wähler zu – ein Teufelskreis aus Sicht von Demokraten und Anhängern der Europäischen Union. Es wird höchste Zeit, ihn zu durchbrechen.

Die Lösung kann nur in europaweit vernünftig geregelten Migrationsverfahren liegen. Niemand darf mehr sterben, nur weil er in die EU will. Und kein Italiener, Ungar oder Deutscher sollte länger befürchten müssen, er könne womöglich eines Tages in einem ihm fremd gewordenen Land aufwachen.