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Schon im Vorfeld lässt sich sagen: Diese Landtagswahl in Bayern wird das Prädikat historisch verdienen. Denn sie markiert einen tiefen Umbruch im Selbstverständnis der großen Parteien. Vorbei die Zeiten, als die Wähler die Leistungen von Regierung und Opposition mit ein paar Prozentpunkten mehr oder weniger honorierten oder abstraften, die Grundfesten aber im wesentlichen intakt ließen. Diese relative Stabilität ist vorbei.

Was sich in Bayern fortsetzt, ist der dramatische Niedergang des etablierten Parteiengefüges der alten Bundesrepublik. Wer hätte noch vor wenigen Jahren gedacht, dass die CSU einmal derart dramatische Verluste wie in den jüngsten Umfragen und wohl auch am Sonntag an den Wahlurnen hinnehmen müsste? Oder dass die SPD im neuesten ARD-Deutschlandtrend nur noch viertstärkste Partei sein könnte? Diese Entwicklung hat weitreichende Folgen für alle Parteien.

Vor allem Union und Sozialdemokraten müssen sich auf die neue Situation einstellen. Alle Traditionen und Routinen gehören auf den Prüfstand. Die bisherigen Volksparteien müssen sich gleichsam neu erfinden, damit sie für die Bürger attraktiv bleiben. Dies ist zunächst einmal eine gute Nachricht. Denn sie zwingt die Politiker, sich offener und ehrlicher als bisher mit den realen Herausforderungen zu beschäftigen. Oberflächlichkeit, Bevormundung, Weglächeln von Problemen und Ängsten wie etwa lange Zeit beim Thema Migration verfängt bei Wählern nicht mehr.

Ein neuer Kommunikationsstil ist gefragt. Mehr Zuhören und direkteres Eingehen auf die Bürger wird erwartet, selbst wenn manche Aussagen keinesfalls populär sein sollten. Entscheidend ist, die Probleme tatsächlich zu benennen und sich um nachvollziehbare Lösungen zu bemühen.

Die Grünen etwa haben dies zuletzt beispielhaft vorexerziert. Man denke nur an den fairen Umgang des früheren Kieler Umweltministers und heutigen Parteichefs Robert Habeck mit den Landwirten im Norden. Er wurde zwar inhaltlich häufig kritisiert und abgelehnt, galt aber gleichwohl als guter Zuhörer, als offen und glaubwürdig. Dies verschaffte Habeck Respekt über die verschiedenen Milieus und Parteigrenzen hinweg. Einen ähnlichen Stil versuchen die Grünen unter ihrer neuen Parteiführung nun bundesweit – durchaus mit Erfolg, wie Umfragen nicht nur in Bayern zeigen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)