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Die russisch-türkische Einigung auf eine demilitarisierte Zone in der syrischen Provinz Idlib ist ein Hoffnungszeichen für die dortigen Zivilisten. Ihnen bleibt zunächst die befürchtete Großoffensive von Assads Truppen erspart. Aber ein Ende des Leids ist damit keineswegs garantiert. Denn die in Idlib eingeschlossenen Rebellen und Terroristen dürften kaum klein beigeben sondern alles versuchen, um ihre Stellungen und ihre Haut zu retten – Anschläge, Geiselnahmen, bewaffneter Widerstand inklusive.

Umso wichtiger, dass jetzt die Suche nach einer dauerhaften Friedenslösung auf internationaler Ebene verstärkt wird. Die Zeit dafür ist günstig, wie die überraschend erfolgreichen Gespräche zwischen Erdogan und Putin gezeigt haben. Die Präsidenten der Türkei und Russlands sind Schlüsselfiguren für die Beendigung des Krieges. Dies zeigen allein schon Stil und Umfang der jetzt getroffenen Abmachung. Keine Beteiligung der Regierung in Damaskus, kein Vertreter der verschiedenen Rebellengruppe oder einer anderen Nation am Tisch: Putin und Erdogan treten auf, als ob in Syrien nur ihr Wort gelten würde.

Ob dies tatsächlich so ist, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen. Einiges spricht dafür, dass die Präsidenten mit ihrem Führungsanspruch Recht behalten. Den Europäern und insbesondere den Deutschen kann eine solche Entwicklung durchaus zugute kommen. Zwar haben sie die syrische Tragödie durch politische und militärische Untätigkeit mit gefördert. Aber jetzt könnte ihnen wenigstens eine neuerliche Flüchtlingswelle aus Idlib erspart bleiben.

Hier decken sich die Interessen von Erdogan und der EU. Denn die Schutzsuchenden würden natürlich zunächst in die benachbarte Türkei fliehen. Wie viele von ihnen dann nach Europa weiterziehen, wäre ungewiss – für den türkischen Präsidenten eine innenpolitisch riskante Situation. Denn die Bürger am Bosporus machen wirtschaftlich schwierige Zeiten durch, die Erdogans Popularität arg belasten. Hunderttausende zusätzliche Flüchtlinge würden ihm da höchst ungelegen kommen.

Doch zwei Fragen müssen die Europäer nach dem Treffen Erdogan-Putin beunruhigen: Wo verbleiben am Ende die vielen tausend Terroristen, die sich momentan in Idlib verschanzt haben? Und wie sehr ist es dem Kemlchef bereits gelungen, seinen türkischen Amtskollegen von der NATO zu entfremden?

(Für Pressekorrespondenz Berlin)