Zufall oder nicht: so kurz vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich erzielen die dortigen Gewerkschaften mit ihren Protesten eine besonders starke Wirkung. Denn Präsident Hollande gerät massiv unter Druck. Zum einen müsste er eigentlich hart bleiben, weil die geplante Arbeitsmarktreform endlich das von ihm zu Beginn seiner Amtszeit versprochene Jobwunder ermöglichen soll. Zum anderen kann sich der Staatschef aber kein Streikchaos während der EM leisten. Es wäre für sein Ansehen verheerend.

Die Präsidentenwahl im nächsten Jahr rückt näher. Und das Fußballfest ist angesichts schlechter Umfragewerte wohl seine letzte Chance, um vor den französischen Wählern noch einmal als guter Gastgeber und oberster Repräsentant der Nation zu punkten. Ein solcher Prestigegewinn wäre zwar noch nicht die Wende zum Positiven für Hollande. Aber ein glanzloser Auftritt während der EM dürfte das sichere Aus bei der Wiederwahl bedeuten. Umso wichtiger für den Präsidenten, dass neben der Terrorgefahr auch die aktuellen Streiks rasch aus den Schlagzeilen verschwinden.

Premier Valls hat denn auch Gesprächsbereitschaft signalisiert. Die Grundzüge der Reform sollen jedoch nach seinem Willen bleiben. Dieses „Zugeständnis“ des Regierungschefs dürfte den meisten Streikenden kaum genügen.

Gleichwohl kann man nur hoffen, dass die Lage nicht weiter eskaliert und sich am Ende die besonnenen Kräfte innerhalb der Gewerkschaften durchsetzen. Denn klar ist: Frankreichs Arbeitsmarkt muss dringender denn je reformiert werden. Was Deutschland unter dem Stichwort Agenda 2010 bereits erfolgreich gemeistert hat, wird auch den Franzosen in der einen oder anderen Form nicht erspart bleiben – entweder jetzt in der abgemilderten Version Hollandes oder später ab 2017 in der dann härteren Ausführung eines neuen Präsidenten. Nur so können auf Dauer mehr wettbewerbsfähige Jobs geschaffen und gesichert werden.

Zu viele Unternehmen und Beschäftigte Frankreichs drohen wegen verkrusteter Strukturen international den Anschluss zu verlieren. Aber die dortigen Gewerkschafter schert dies offenkundig wenig. Während die Spitzen-Kicker des Kontinents für den EM-Gewinn trainieren, kämpfen sie erfolgreich um den traurigen Titels eines Europameisters der Reformunfähigen – ein Trauerspiel.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)