Es ist nicht das erste Mal, dass die UNO vor einer Hungerkatastrophe in einem der ärmsten Länder der Welt warnt. Doch der Fall Jemen sprengt jetzt die üblichen Maßstäbe. So könnte die Zahl der möglichen Opfer Millionenhöhe erreichen – und dies nur, weil ein Verbündeter des Westens die Luft- und Seewege für Hilfslieferungen blockiert. Das ist ein Skandal.

Dabei sind Saudi-Arabiens Angriffe gegen Rebellen, die vom Iran unterstützt werden, nicht einmal militärisch sonderlich erfolgreich. Stattdessen wird die Zivilbevölkerung umso brutaler in Mitleidenschaft gezogen. Das muss gestoppt werden.

Die Vereinten Nationen sollten Riad massiv drängen, im Jemen eine Verhandlungslösung zu suchen und vor allem kurzfristig wieder Hilfslieferungen zuzulassen. Sonst machen sie sich mitschuldig an der Tragödie. Für den Westen ist Saudi-Arabien ohnehin ein heikler Partner. Zwar gilt das arabische Land dank der Ölvorkommen und des damit verbundenen Reichtums als strategisch und wirtschaftlich sehr bedeutsam. Auf der anderen Seite werden von dort radikale Gotteskrieger und Islamisten finanziert, die Europas und Amerikas Sicherheit bedrohen.

Und so wichtig Saudi-Arabien als Gegengewicht gegen die Machtansprüche des Irans am Golf auch sein mag: es gibt Grenzen der Zumutbarkeit in Sachen Humanität und Menschenrechtsverletzungen. Im Fall Jemen werden diese vom saudischen Militär deutlich überschritten. Bleibt es dabei, stellt sich auch in Deutschland erneut die Frage, ob Waffenlieferungen an Riad weiterhin und dauerhaft vertretbar bleiben. Denn Petrodollars sichern zwar Arbeitsplätze, aber sie erteilen den Saudis keine politische Lizenz zum Unterlassen von Hilfe bei drohendem Massensterben von Millionen Zivilisten.

Niemand sollte erwarten, dass der Jemenkonflikt schnell beendet werden kann. Dafür sind die Rivalitäten zwischen dem Iran und Saudi-Arabien zu heftig. Hinzu kommt die neue Unsicherheit wegen des eingeleiteten Führungswechsels in Riad, wo Kronprinz Mohammed bin Salman derzeit mit harter Hand potenzielle Gegner ausschaltet und sich zugleich als harter Kämpfer gegen die saudischen Feinde im Jemen profilieren will. Doch den einfachen Menschen im Jemen können solche kühlen Machtaspekte egal sein. Sie brauchen nur eines: Sofortige Hilfe zum nackten Überleben.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)