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Der politische Rückzug des gebrechlichen Präsidenten Bouteflika ist eine gute Nachricht für alle Algerier. Und für Europa. Denn es wächst nun die Chance, dass sich das große und strategisch wichtige Land grundlegend erneuert. Dann könnten Millionen vor allem junger Algier wieder Hoffnung auf eine bessere Zukunft schöpfen. Ihr Drang, sich als Flüchtlinge über das Mittelmeer in die EU aufzumachen, würde entsprechend nachlassen. Eine so beschaffene Stabilität Algeriens wäre aus europäischer Sicht allemal besser als die derzeitige Situation.

Präsident Bouteflika mag noch so viele historische Verdienste bei der Beendigung des schrecklichen Bürgerkriegs in Algerien Anfang der 2000er-Jahre gehabt haben. Dieser politische Kredit ist längst aufgezehrt. Aus dem Hoffnungsträger von einst wurde eine Symbolfigur für den Stillstand. Dieser soll jetzt beendet werden.

Doch der Weg bis zu einer grundlegenden Reform des Landes ist noch weit und gefährlich. Niemand sollte erwarten, dass alle Profiteure des Regimes jetzt mit fliegenden Fahnen zur demokratischen Opposition überlaufen. Man denke nur daran, wie etwa in Ägypten der demokratische Aufbruch von alten Kräften ausmanövriert wurde. Ähnliches könnte auch über kurz oder lang in Algerien geschehen.

Der Verzicht Bouteflikas auf eine erneute Kandidatur geschah zudem erst in letzter Minute. Die algerischen Machthaber folgten nicht dem eigenen Wunsch nach Reformen. Sie wollten augenscheinlich nur einen offenen Aufruhr vehindern. Dieses taktische Manöver ist ihnen gelungen. Ob daraus ein dauerhafter Strategiewechsel wird, ist keineswegs sicher. Denn jetzt haben die alten Kräfte Zeit gewonnen, um die Lage in ihrem Sinne zu beruhigen. Entscheidend für die Zukunft Algeriens wird sein, welchen Weg sie dabei einschlagen: Mehr Verhaftungen und stärkere Unterdrückung oder tatsächlich – wie versprochen – faire Wahlen und echte Reformen.

Man kann nur hoffen, dass die Vernunft siegt. Algerien muss sich von Grund auf friedlich wandeln, um der jungen Generation eine attraktive Zukunft zu bieten. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist unter 30 Jahre. Trotz teilweise guter Ausbildung sind fast ein Drittel der jungen Menschen nach offiziellen Angaben arbeitslos. Sie hatten bislang kaum berufliche Perspektiven. Kein Wunder, dass sie gegen ein verkrustetes und korruptes System mit einem altersschwachen Präsidenten an der Spitze aufbegehren.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)