So wichtig das Thema Migration und Flüchtlingskrise momentan auch ist: Deutschland und die EU dürfen dabei ihre anderen Hausaufgaben nicht vernachlässigen. Ganz vorn steht hier der Brexit. Die Briten haben sich ohne Not auf eine politische Geisterfahrt begeben – Ziel unbekannt, Vorbereitung gleich Null, Risiken unkalkulierbar. Premierministerin Theresa May musste sich deshalb in Berlin unangenehmen Fragen der Kanzlerin stellen. Doch ihre Antworten blieben leider ebenso vage und unbefriedigend wie zuletzt die ihrer Unterhändler in Brüssel.

Das ist unverantwortlich. Denn Angela Merkel, die EU-Partner Großbritanniens und vor allem die Briten selbst müssen endlich wissen, woran sie in Sachen Brexit mit der May-Regierung sind. Sonst droht ein unkontrolliertes Auseinanderbrechen mit schweren wirtschaftlichen Nachteilen insbesondere für die britische Wirtschaft.

Immer mehr große und prestigeträchtige Unternehmen wie Airbus oder Jaguar schlagen Alarm, drohen mit Rückzug von der Insel. Banken und Versicherungen sehen ihre Geschäfte mit dem Ausland gefährdet, zuhauf sind Arbeitsplätze in Gefahr. Und was macht May? Sie versucht sich irgendwie zwischen einem harten und weichen Brexit durchzulavieren. Ihr Kabinett ist in sich tief zerstritten, und Brüssel pocht auf konsequente Einhaltung der Verträge.

Für May ist dies eine höchst verfahrene und gefährliche Situation. Doch Angela Merkel wird ihr nicht aus der Klemme helfen können. indem sie ein gutes Wort für ihre Amtskollegin bei der EU-Kommission einlegt. Denn klar ist: London darf nicht die Chance zum Rosinenpicken erhalten. Wer die EU verlässt, ist draußen – so hart dies am Ende auch sein mag.

Bedauern ist fehl am Platze. Schließlich haben es die Briten jederzeit selbst in der Hand, den wirtschaftlichen und politischen Irrsinn zu beenden. Dazu müssten sie nur ihr Austrittsgesuch in aller Form zurücknehmen. Es liegt an den Bürgern, einen solchen Akt der Vernunft durch entsprechenden Druck auf die Londoner Regierung zu erzwingen. Auch Wähler sollten das Recht auf eine zweite Chance haben, sprich nach Abschluss der Verhandlungen erneut über den Brexit abstimmen dürfen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)