Kaum hat Bundespräsident Joachim Gauck seinen Verzicht auf eine Wiederwahl erklärt, da bringen sich einige Parteistrategen insbesondere von CDU, SPD und Linkspartei schon demonstrativ in Stellung. Sie wollen die Nachfolge Gaucks als Signal und indirekte Festlegung auf künftige Koalitionen benutzen. Der Bedeutung des Amtes wird dies nicht gerecht. Auch weiß heute noch niemand, welche Konstellationen nach der nächsten Bundestagswahl möglich sein werden. Sigmar Gabriel will diese Debatte jetzt beenden – ein vernünftiges, aber auch schwieriges Unterfangen.

Ihm sei die Parteizugehörigkeit des nächsten Bundespräsidenten egal, versichert der SPD-Chef in einem Interview und distanziert sich damit von einer gegenteiligen Äußerung seines Fraktionsvorsitzenden Thomas Oppermann. Der schwenkt zwar mittlerweile auf Gabriels Linie ein, dürfte aber zuvor vielen Genossen aus der Seele gesprochen haben, als er sich grundsätzlich gegen einen Unionskandidaten ausgesprochen hatte. Denn auch in anderen Parteien wird dieses angeblich so unpolitische Amt gern als taktische, letztlich harmlose Verfügungsmasse betrachtet. Doch das ist ein großer Irrtum.

Gerade Joachim Gaucks Reden haben in den letzten Jahren gezeigt, wie innen- und außenpolitisch wichtig das Amt ist. Ob zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr, Verhältnis zu Flüchtlingen, Gewalt und Ausländerfeindlichkeit – Gauck gab Denkanstöße, brachte Debatten auf den Punkt und führte dabei zugleich Menschen zusammen.

Für eine solche Integrationsleistung sind nur die Besten geeignet – egal ob Mann oder Frau. Das Parteibuch ist dabei unerheblich. Wichtig sind allein politische Erfahrung, persönliche Autorität, Weltoffenheit. Hinzu kommt, dass ein Bundespräsident nach dem Grundgesetz in bestimmten Ausnahmesituationen weitreichende Entscheidungen treffen muss – bis hin zur Ansetzung von Neuwahlen. Allein deswegen verbieten sich schon Versuche, die Gauck-Nachfolge nur nach Parteigesichtspunkten zu regeln.

Gewiss, die Wahl des nächsten Bundespräsidenten ist erst im Februar 2017. Gleichwohl sollten Kanzlerin und Vizekanzler es als ihre Pflicht ansehen, möglichst bald Klarheit schaffen, um das wichtige Amt nicht länger als koalitionspolitischen Spielball erscheinen zu lassen. Gabriel hat für eine solche Absprache jetzt die notwendige Offenheit gezeigt. Merkel sollte ihn beim Wort nehmen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)