Die Reise zum Gipfeltreffen nach Brüssel hätte sich David Cameron getrost sparen können. Der britische Premierminister wurde freundlich aber kühl-professionell von seinen EU-Kollegen abserviert. Für ihn persönlich mag dies unangenehm, ja bitter gewesen sein. Aber die Botschaft der verbleibenden 27 Unionsmitglieder an London war umso wichtiger: Keine Kungeleien, keine Vorzugsbehandlung, keine – wie Angela Merkel es nannte – Rosinenpickerei. Die Briten sollten sich auf schwere See einstellen.

Zur eigentlichen Sache ging es erst am Mittwoch nach der Abreise Camerons. Er war unerwünscht – kein gutes Omen für ihn. Die Spitzenpolitiker der übrigen EU wollten unter sich sein, um das weitere Vorgehen gegenüber Großbritannien zu besprechen. Für die Brexit-Befürworter kann die Konsequenz aus diesem Brüsseler Treffen nur lauten: Endlich eigene Pläne für das weitere Procedere entwickeln und vorlegen. Und vor allem: Dann möglichst bald die formale Austrittserklärung präsentieren, damit die anschließenden Verhandlungen inhaltlich auf Augenhöhe erfolgen können. Denn sonst bekäme Brüssel aus Londoner Sicht viel zu viel Zeit, um eigene Konzepte in Stein zu meißeln sowie finanziell vollendete Tatsachen in Programmen und Projekten der EU zu schaffen.

Hinzu kommt, dass der jüngste Brüssel-Besuch der schottischen Regierungschefin Sturgeon den Druck noch einmal erhöht. Je länger die britischen Zukunftsperspektiven unklar bleiben, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Schotten weiter und möglicherweise unumkehrbar von London abwenden. Kurzum, es drohen sowohl in Brüssel als auch in Edinburg Entwicklungen voller Eigendynamik, die eine britische Regierung kaum noch beeinflussen oder gar stoppen könnte.

Es ist allein Sache der Briten, sich aus dieser für sie ungünstigen Lage zu befreien. Eine neue Regierung, möglicherweise Neuwahlen, ein strategischer Neuanfang – all dies duldet keinen Aufschub. Die Erfolgsaussichten sind ungewiss. Denn die übliche Routine einer Parteiendemokratie mit ihren langen Beratungs- und Abstimmungsprozessen stößt hier an ihre Grenzen. Schuld an dieser Misere sind leichtfertige Politiker in London, die sich ohne Sinn und Konzeption zum Schaden ihrer Nation in ein beispielloses Abenteuer mit ungewissem Ausgang gestürzt haben.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)