Mit der ersten Sitzung des neu gewählten Unterhauses beginnt der Schlussspurt zur Regierungsbildung. Theresa May muss endlich den Schleier über ihren Plan zum Brexit lüften – sofern sie überhaupt einen hat. Derweil ist die Premierministerin nur noch ein Schatten ihrer selbst. Offenkundig sind ihr die Dinge mit und nach der verzockten Neuwahl aus den Händen geglitten. Der einzige Ausweg dürften Absprachen mit Labour über das weitere Vorgehen beim Brexit sein. Entsprechende Sondierungen scheint es bereits zu geben.

So oder so: Die Konservativen müssen noch viel ideologischen Ballast abwerfen, um wieder politisches Oberwasser zu gewinnen. Mays Lage wird damit immer prekärer. Dafür ist sie nicht zu bedauern. Sie hat sich selbst durch Ungeschick und Überheblichkeit in diese Sackgasse manövriert. Den Schaden haben die Bürger Großbritanniens und der Europäischen Union. Sie müssen weiter auf ein Ende der Unsicherheiten warten.

Unterdessen läuft der Countdown in Sachen Brexit brutal weiter. Zu Recht drängt Brüssel auf einen raschen Beginn der Scheidungsverhandlungen. Denn auch durch Nichtstun wie jetzt in London werden Fakten geschaffen, und zwar leider nur gefährliche.

Die rechtliche und materielle Materie, die zwischen Großbritannien und der EU komplett neu zu regeln ist, steckt voller komplexer Details. Sie kann nicht einfach als Ganzes per Federstrich umgeändert werden. Das braucht ausreichend Zeit, Fachwissen und Kompromissbereitschaft. All dies ist jedoch in Downing Street 10 Mangelware, wenn man sich das Verhalten der Premierministerin in den letzten Tagen und Wochen vor Augen führt.

Umso besser wäre es, wenn parteiübergreifende Absprachen erfolgen. Der Brexit ist für die Briten viel zu wichtig, um ihn allein Theresa May zu überantworten. Vielmehr sollten die notwendigen Regelungen in einem möglichst breiten Konsens erfolgen. Dies wird zwar vielen konservativen Abgeordneten politisch nicht schmecken. Doch besser Labour schon im Vorfeld einbeziehen, als erneut mit dem Kopf durch die Wand zu wollen.

Angesichts der parlamentarischen Mehrheitsverhältnisse sind weitere Alleingänge der Premierministerin keine akzeptable Alternative. Oder will May Großbritannien vollends dem Chaos und internationalen Spott überlassen?

(Für Pressekorrespondenz Berlin)