Politische Prinzipientreue ist ehrenwert, aber sie darf nicht in demokratische Verantwortungslosigkeit ausarten. Eben diese Grenze hat die FDP bei den Jamaika-Sondierungen überschritten.

So mag der Abbruch der Gespräche  zwar der liberalen Seele gut getan haben, um das Trauma einer angeblichen „Umfaller-Partei“ los zu werden. Aber dies geschieht auf Kosten einer tiefen Regierungskrise – und das ausgerechnet noch in international turbulenten Zeiten, Stichworte Brexit und Trump. Für eine FDP, die sich gerne auf ihre früheren und das Land mitprägenden Außenminister Scheel und Genscher beruft, ist dies besonders beschämend. Etwas mehr Seriosität und Sitzfleisch hätten die Bundestags-Youngster um Christian Lindner daher schon zeigen müssen.

Und dass eine bürgerliche Kanzlerin ausgerechnet an einer sich bürgerlich nennenden Partei mit langer Tradition scheitert, verstärkt das Befremden zusätzlich. Oder wollen Lindner und Co. gar zu ganz neuen Ufer aufbrechen, um der rechtspopulistischen AfD direkte Konkurrenz zu machen? Manche Äußerungen und Verhaltensweisen während der Jamaika-Sondierungen legen diesen Verdacht nahe. Man denke nur an jüngste Bemerkungen aus der CSU, die Liberalen wollten die Bayern etwa beim Thema Migration und Flüchtlinge rechts überholen.

Ein solcher Kurs, der vornehmlich auf enttäuschte konservative Unionswähler setzt, mag kurzfristig verführerisch sein. Doch er birgt gefährliche Risiken bis hin zum Vorwurf von Demagogie und Blockade. Wollen sich die Liberalen tatsächlich derart ins Abseits begeben? Oder hofft Lindner etwa insgeheim, er könne sich auf diesem Wege im Stil des Österreichers Sebastian Kurz zum neuen bürgerlichen Hoffnungsträger und damit letztlich ins Kanzleramt katapultieren? Ein solcher Größenwahn mag zunächst abwegig klingen, doch seit Sonntagnacht ist bei den Liberalen fast jedes Polit-Abenteuer denkbar geworden.

Umso mehr kommt es jetzt auf den Bundespräsidenten an. Frank-Walter Steinmeier steht vor der schwierigen Aufgabe, die gegenwärtige Blockadesituation möglichst ohne Neuwahlen aufzulösen. Deshalb wird der Bundespräsident am Ende nicht umhin kommen, mit der SPD – ungeachtet all ihrer bisherigen und weiter zu erwartender Absagen – über einen gesichtswahrenden Weg in eine große Koalition zu sprechen. Sie wäre gegenwärtig die beste Lösung.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)