Will Christian Lindner die Liberalen zur Daueropposition im Bundestag machen? Seine jüngste Absage an eine Jamaika-Koalition auch nach möglichen Neuwahlen spricht leider dafür. Augenscheinlich interessiert es den FDP-Chef überhaupt nicht, was mit Union oder Grünen später einmal sachlich Neues vereinbart werden könnte. Das ist unverantwortlich. Denn selbst wenn die jüngsten Jamaika-Sondierungen aus Lindners Sicht schlecht gelaufen sind: Eine Neuauflage mit anderen Vorzeichen darf unter demokratischen Parteien nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden.

Abgesehen davon: Mit wem möchte Lindner denn überhaupt noch Kompromisse schließen und regieren? Mit AfD und Linke wohl kaum, die SPD ist mandatsmäßig zu schwach, und die Unionsspitze dürfte Lindner und Co nach den jüngsten Sondierungen bestenfalls noch für zweite oder dritte Wahl halten. Eine solche Konstellation verlangt Augenmaß und Flexibilität und keine ideologische Kraftmeierei.

Gewiss, der FDP-Vorsitzende hat seine Partei nach einer verheerenden Wahlniederlage neu aufgestellt und zurück in den Bundestag geführt. Das ist eine große Leistung. Doch nun scheint ihm der Erfolg wohl zu Kopf gestiegen zu sein. Man kann den Eindruck gewinnen, er wolle in Sachen Regierungseintritt um alles oder nichts spielen, sprich: statt Juniorpartner mit inhaltlichen Abstrichen gleich zur alles dominierenden Kraft werden. Die entsprechenden Vorbilder sind Sebastian Kurz in Österreich und Emmanuel Macron in Frankreich. Doch eine solche Strategie ist zumindest kurzfristig hoch riskant: für Lindner persönlich, für die FDP aber vor allem auch für die Handlungsfähigkeit Deutschlands in den aktuell schwierigen internationalen Zeiten.

Niemand sollte die FDP in eine Koalition zu drängen versuchen, in der sie ihre zentralen Ziele nicht zumindest in Ansätzen verwirklichen kann. Andererseits muss von einer Partei, die sich zur Wahl stellt, auch das ernsthafte Bemühen um die Übernahme von Regierungsverantwortung erwartet werden. Wahlen sind schließlich keine Spaßveranstaltung sondern haben einen klaren Zweck: Mehrheiten zu organisieren und Politik zu gestalten.

Lindner sollte sich deshalb in der Frage von möglichen Koalitionspartnern im Ton mäßigen und mehr auf die Inhalte konzentrieren. Nur dann kann er die FDP wieder dauerhaft zu einem seriösen Akteur im Bund machen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)