Die Griechen können aufatmen. Der Geldhahn aus Brüssel bleibt offen. Für die Regierung Tsipras ist dies ein Erfolg. Ihr Reform- und Sparkurs wird von den EU-Partnern honoriert. Gleichwohl bleibt der Preis hoch, den die europäischen Steuerzahler für die griechische Misswirtschaft der vergangenen Jahrzehnte zahlen müssen. Noch teurer wäre es jedoch, Griechenland mitten in der aktuellen Flüchtlingskrise finanziell im Regen stehen zu lassen.

Die Rechnung ist einfach: Je besser sich Athen politisch und wirtschaftlich entwickelt, desto geringer wird die Abhängigkeit der EU vom türkischen Staatspräsidenten Erdogan. Denn ein stabileres Griechenland könnte eine noch stärkere Rolle in der EU-Flüchtlingspolitik spielen als jetzt schon. Das Land verfügt über eine immens wichtige strategische Position am Südost-Rand der EU. Es ist naturgemäß die erste Anlauf- und Aufnahmestation für Schutzsuchende, die aus der Türkei kommen. Momentan ist deren Zahl gering. Aber Erdogan droht damit, alle Tore wieder zu öffnen, falls Brüssel nicht Visumfreiheit zu seinen Konditionen gewährt. Da ist es aus EU-Sicht allemal klüger, Athen zu stärken und mit Milliardenhilfe für die Aufnahme und Rückführung zusätzlicher Flüchtlingen zu wappnen statt weiterhin politisch nur auf Ankara zu setzen.

Die Türkei ist wegen Erdogan leider momentan ein heikler, schwer kalkulierbarer Partner. Griechenland dagegen ist dank Tsipras wieder auf gutem Weg, Vertrauen in der EU zurückzugewinnen. Davon sollten beide Seiten profitieren: Brüssel, indem es ein strategisch wichtiges Mitglied der Union stabilisiert und zugleich die Abhängigkeit von Ankara mindert; Athen indem es die Voraussetzung für einen wirtschaftlichen Neustart schafft, an sich hoffentlich bald auch wieder mehr ausländische Investoren beteiligen werden.

Denn das Schlüsselwort für eine bessere Zukunft Griechenlands heißt Wachstum. Die dortige Bevölkerung leidet schwer unter den Sparnahmen und der hohen Arbeitslosigkeit. Mehr Jobs und damit auch mehr Steuereinnahmen sind bitter nötig. Dazu muss das Land aber erst wieder wirtschaftlich-finanziell auf eigenen Beinen stehen. Die EU-Finanzminister haben jetzt gemeinsam mit Athen eine wichtige neue Etappe zur Bewältigung der Krise eingeläutet. Bleiben die Griechen auf Kurs, dürfte auch das Thema Schuldenschnitt bald wieder zu ihren Gunsten auf die EU-Agenda kommen…

(Für Pressekorrespondenz Berlin)