Endlich: In London kann nach dem unseligen Brexit-Votum wieder seriös regiert werden. Insofern ist der zum Schluss überraschend zügige Wechsel im Amt des Premierministers eine gute Nachricht für die EU. Zwar stehen Brüssel sehr schwierige und harte Verhandlungen bevor. Aber entscheidend bleibt, dass die politische Hängepartie endet. Denn Bürger und Unternehmen beiderseits des Ärmelkanals brauchen dringend Klarheit über die Spielregeln der gemeinsamen Zukunft.

Theresa May steht damit unter gewaltigem Erfolgsdruck. Sie muss ihn allein bewältigen. Denn von Seiten der EU darf die neue Premierministerin keine Vorab-Zugeständnisse erwarten. Die Briten haben sich für den Brexit entschieden. Nun müssen sie auch die entsprechenden Verhandlungen führen, wenn sie weiterhin Zugang zum gemeinsamen Markt behalten wollen. May ist hier am Zug. Sie muss zunächst einmal sagen, was London jetzt will und zu geben bereit ist. Erst danach kann Brüssel sinnvollerweise reagieren.

Je länger May mit dem Start der Gespräche wartet, desto früher und heftiger dürften die negativen wirtschaftlichen Folgen des Brexit-Votums in Großbritannien spürbar werden. Unternehmen zögern bereits mit Investitionen und Neueinstellungen, weil sie eine Barriere zum EU-Binnenmarkt befürchten. Darauf muss May mit einem klaren Konzept antworten – was fast unmöglich ist. Denn kaum jemals waren die Herausforderungen in Europa-, Wirtschafts- und Innenpolitik so brutal miteinander verwoben wie bei der Cameron-Nachfolgerin.

Man kann nur hoffen, dass May am Ende das Schlimmste verhindern kann: die Abschottung Großbritanniens von der Europäischen Union. Für die Briten wäre eine solche Isolation ökonomisch und innenpolitisch ein Desaster, für die EU ein schwerer Schaden – aber immer noch besser als Verrat an den eigenen Grundsätzen. Doch eben dies hatten die Brexit-Wortführer Boris Johnson und Nigel Farrage im Sinn, als sie einen Einwanderungsstopp bei gleichzeitigem Verbleib im EU-Binnenmarkt versprachen. Und die Mehrheit der Briten ihnen fälschlicherweise glaubte.

May gilt ähnlich wie Angela Merkel als pragmatisch, politisch routiniert und durchsetzungsstark. In normalen Zeiten würde dies reichen, um Vorschusslorbeeren beim Einzug in Downing Street 10 zu erhalten. Doch jetzt? Prognose völlig ungewiss…

(Für Pressekorrespondenz Berlin)