Winfried Kretschmann ist immer für Überraschungen gut. So auch jetzt, wenn sich der grüne Ministerpräsident für den Verbleib einer CDU-Kanzlerin im Amt stark macht. Zwar ist seit langem bekannt, wie sehr Kretschmann Angela Merkel persönlich schätzt. Viel bemerkenswerter ist daher unter dem Aspekt Schwarz-Grün im Bund der Zeitpunkt seiner Äußerungen.

Erstens werden momentan in Berlin schon Fühler in Richtung neuer Koalitionsmöglichkeiten nach der Bundestagswahl ausgestreckt. Zweitens stellt Kretschmanns Partei in diesen Wochen per Urwahl die personellen und damit auch strategischen Weichen für das Wahljahr. Und drittens läuft die Suche nach einem neuen Bundespräsidenten auf Hochtouren. Und da könnte sich Merkels Blick jetzt wieder verstärkt auf Kretschmann als möglichen Gauck-Nachfolger richten.

Die Chance, einen gemeinsamen Kandidaten der Großen Koalition zu finden, verkleinert sich jeden Tag. SPD-Chef Sigmar Gabriel hat mit seinem Vorschlag, Frank-Walter Steinmeier zu nominieren, die Kanzlerin in Zugzwang gebracht. Entweder schließt sie sich dem an, was kaum noch vorstellbar ist. Oder sie muss endlich öffentlich einen eigenen Vorschlag machen. Sonst wirkt Merkel in Sachen Gauck-Nachfolge wie eine entscheidungsschwache Getriebene – mit Blick auf die kommenden Bundestagswahl nicht gerade positiv für sie, ihre Partei und auch das Ansehen des Amtes des Bundespräsidenten.

Mit Kretschmann hätte die Kanzlerin einen honorigen Kandidaten, der für die CDU wählbar wäre und dessen Nominierung durch eine CDU-Chefin zugleich den überparteilichen Charakter des Präsidentenamtes unterstreichen würde. Ferner bekäme die SPD signalisiert: Wir können auch mit den Grünen, sprich: Nicht nur Rot-Rot-Grün sondern auch Schwarz-Grün könnte nach der Bundestagswahl möglich sein, egal was die CSU und ihr Vorsitzender Horst Seehofer davon derzeit auch halten mögen.

Denn deren Meinung kann sich sehr schnell ändern, wenn die politische Großwetterlage dreht. Schließlich sind die Christsozialen in erster Linie machtorientierte Pragmatiker. Und in dieser Eigenschaft würden sie wohl kaum den Aufstand gegen Merkel riskieren, wenn diese sich jetzt für Kretschmann als Kandidaten aussprechen würde, zumal Bundestagspräsident Norbert Lammert als Idealbesetzung leider – bislang jedenfalls – abgewinkt hat.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)