Angela Merkel hat sich kurz vor ihrer Wiederwahl zur CDU-Vorsitzenden ein ehrliches Ergebnis gewünscht. Sie hat es bekommen. Knapp unter 90 Prozent Ja-Stimmen sind in ihrem Fall kein Anlass zum Jubeln. Gleichwohl kann sich die Kanzlerin damit gut sehen lassen. Ihr möglicher SPD-Konkurrent Sigmar Gabriel hatte bei seiner letzten Wiederwahl als Parteichef weniger als 75 Prozent erzielt. Im Vergleich dazu ist das Ergebnis für Merkel geradezu hervorragend.

Viel wichtiger noch: der leichte Denkzettel für die Chefin stärkt die Partei insgesamt. Die CDU verliert damit ein Stück weit den Ruf, sich nur noch als Kanzlerwahlverein zu betrachten. Die Mitglieder und Delegierten haben Merkel zu verstehen gegeben, dass sie ihre Politik zwar im Grundsatz billigen, aber teilweise andere Akzente setzen möchten. Das zeugt von Selbstbewusstsein und Sensibilität für die Themen, die die Bürger tatsächlich beschäftigen – selbst wenn die jeweiligen Punkte nach bisherigen Maßstäben nicht immer politisch korrekt sind.

Merkel ist darauf zumindest rhetorisch eingegangen. Sie ist in ihrer Essener Rede beim Thema Flüchtlinge ein Stück weit nach rechts gerückt. Ein inhaltlicher Kurswechsel war dies zwar nicht. Aber die Kanzlerin hat immerhin akzeptiert, dass die Partei eine härtere Tonlage fordert. Das Bild der Union in der Öffentlichkeit wird somit nicht länger fast ausschließlich vom Kanzleramt aus gesteuert. Die christdemokratische Basis beginnt, sich zur programmatisch wichtigen und lebendigen Kraft zu entwickeln – eine Überlebensnotwendigkeit für die Zeit nach Merkel. Denn klar ist: die Kanzlerin dominiert ihre Partei momentan fast nach Belieben. Diese Abhängigkeit von der Person Merkel muss die CDU lockern, wenn sie dauerhaft Erfolg haben will. In Essen gab es dafür positive Anzeichen.

Das ändert nichts daran, dass die alte und neue Vorsitzende jetzt gestärkt in den kommenden Bundestagswahlkampf ziehen kann. Die Delegierten vertrauen ihr und vor allem auch ihrer Erfahrung als europäische Krisenmanagerin. Das mag zwar programmatisch wenig aufregend sein. Doch politische Stabilität ist in diesen unsicheren Zeiten für immer mehr Bürger ein Wert an sich. Das spricht für Merkel.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)