Eines teilt Horst Seehofer mit fast allen Regierungschefs dieser Welt, egal ob links oder rechts: das Gefühl, unersetzlich zu sein. Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef sieht Land und Lebenswerk bedroht, falls er – wie ursprünglich geplant – jetzt das Zepter in München übergibt. Das ist gewiss übertrieben, aber für die CSU stimmt es zumindest teilweise.

Allerdings ist dies auch Seehofers persönliche Schuld. Er hat seine Nachfolge nicht ordentlich geregelt. Und so kurz vor wichtigen Wahlen in Bund und Land kann er diesen strategischen Fehler nicht mehr auf die Schnelle korrigieren, ohne dass in der CSU ein heftiger Machtkampf ausbricht und die Erfolgschancen der Partei deutlich geschmälert werden.

Gleichwohl weiß jeder in Bayern: Lange kann es mit Seehofer so nicht weitergehen. Er wird immer mehr zu einem Ministerpräsidenten auf Abruf – sei es durch die Bürger oder die eigene Partei. Denn niemand sollte davon ausgehen, dass Seehofer im Falle seiner Wiederwahl die komplette nächste Legislaturperiode als Ministerpräsident im Amt bleiben würde. Diese ungewisse Perspektive mindert seinen Wert als Wahllokomotive ganz wesentlich.

Wer 2018 bei der Landtagswahl für die CSU stimmt, stellt den Christsozialen de facto einen personalpolitischen Blankoscheck aus. Zu viele höchst unterschiedliche Charaktere sind als potenzielle Nachfolger Seehofers im Gespräch, als dass heute irgendwelche sicheren Prognosen möglich sind. Viele Bayern, die sonst CSU wählen, könnten unter diesen Umständen bei der Stimmabgabe zögern – so sehr sie auch Person und Politik Seehofers schätzen mögen. Die jetzige Begeisterung der Parteispitze über die Entscheidung des Ministerpräsidenten wirkt daher mit Blick auf die Landtagswahl deutlich verfrüht.

Anders sieht es im Bund aus. Für die dortige Wahl im September hat sich die CSU mit Seehofer als Parteichef und Joachim Herrmann als Spitzenkandidat personell gut und berechenbar aufgestellt. Dies nützt nicht zuletzt der CDU. Zwar hatte Kanzlerin Angela Merkel mit Seehofer oft ihre liebe Not. Aber das ist schnell vergessen, wenn Seehofer im September nur genügend Stimmen aus Bayern liefert. Und dafür hat er jetzt die Weichen kurzfristig richtig gestellt – ungeachtet aller längerfristigen Unwägbarkeiten bei der CSU.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)