Man mag von der aktuellen Führung in Ankara halten, was man will: in jedem Fall bleibt die Türkei für die EU ein strategischer Partner allerersten Ranges. Dies betrifft die Flüchtlingsfrage ebenso wie den Anti-Terrorkampf und die wirtschaftliche Zukunft der Union. Insofern ist es vernünftig, den Beitrittsprozess mit der Eröffnung des Kapitels 33 zu den Finanz- und Haushaltsbestimmungen jetzt fortzusetzen.

Außerdem: Je enger die Kontakte werden, desto größer wird auch die Hoffnung, dass sich die Menschenrechtslage am Bosporus eines Tages bessert. An diesem Punkt darf die EU keine Konzessionen machen. Sonst würde sie weiter an Glaubwürdigkeit verlieren – mit fatalen Folgen für den politischen Rückhalt in der eigenen Bevölkerung.

Gewiss, Präsident Erdogans Verhalten gegenüber Kurden und islamistischen Gruppen im Syrienkonflikt belastet die Beziehungen zur EU. Und nicht nur in Brüssel wünschen sich viele einen anderen, weniger selbstherrlichen Staatschef für die Türkei. Aber dies zählt letztlich wenig. Entscheidend bleibt das Votum von Erdogans Landsleuten. Solange sie an ihm festhalten, wird die EU im eigenen Interesse mit diesem heiklen Partner verhandeln müssen. Dazu gehört auch, dass die gemachte Zusage zur Fortsetzung von Beitrittsgesprächen eingehalten wird.

Schnelle Ergebnisse sind nicht zu erwarten. Aktuell viel brisanter sind ohnehin zwei andere Themenbereiche: Flüchtlinge sowie die Bedrohung durch den Islamischen Staat. Ankara und Brüssel stehen dabei vor ähnlich großen Herausforderungen. Dies hat einmal mehr der jüngste Anschlag auf den Flughafen in Istanbul gezeigt. Denn solch schreckliche Bilder hatte es zuvor auch schon aus Belgien und Frankreich gegeben. Offenkundig ist den Killern des IS die Nationalität und Religion ihrer Opfer egal, wenn sie unschuldige Zivilisten in den Tod bomben.

Dagegen hilft nur die Bildung einer schlagkräftigen Allianz aller Zielstaaten – politisch, militärisch, sicherheitstechnisch. Ein solch gemeinsamer Ansatz liegt im strategischen Interesse sowohl der EU als auch der Türkei. Schon deshalb muss Brüssel in Sachen Beitritt oder Partnerschaft weiter mit Ankara im Gespräch bleiben – allerdings ohne die eigenen demokratischen Werte und Ansprüche aus dem Auge zu verlieren. Das ist eine zwar politische Gratwanderung. Aber sie lohnt sich für beide Seiten.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)