Im Klagen und Kritisieren lässt sich Horst Seehofer in der Asylpolitik so schnell von niemandem übertreffen. Doch nun muss er als zuständiger Bundesinnenminister auch liefern. Wie schwer dies sein wird, zeigen schon die ersten Reaktionen aus Wien auf den Kompromiss der Union. Dort will Seehofer an diesem Donnerstag die Weichen für eine schnelle Rückkehr von Flüchtlingen stellen, die unberechtigt nach Bayern gekommen sind. Doch weshalb sollte Österreichs Regierung dem ohne handfeste Gegenleistungen zustimmen?

Kanzler Kurz hat versichert, es werde keine Verträge zu Lasten der Alpenrepublik geben. Recht hat er. Denn Kurz muss naturgemäß zunächst die österreichischen und dann die europäischen Belange im Auge behalten. Bayern und Deutschland kommen erst danach. Als amtierender EU-Ratspräsident steht Kurz zusätzlich im Fokus der Öffentlichkeit. Die so gern zelebrierte ideologische Gemeinsamkeit mit Seehofer wird da rasch zur Nebensache.

Hinzu kommt, dass der CSU-Chef in Wien keinen großen Verhandlungsspielraum hat. Sein Verhältnis zu Angela Merkel ist zerrüttet, die SPD wird sich ein Ja zum Unionskompromiss noch teuer politisch bezahlen lassen, und innerhalb der CSU ist Seehofer nur noch ein Vorsitzender auf Abruf.  Er steht überall mit dem Rücken zur Wand – eine Lage, in die er sich selbst durch seine abenteuerliche Konfliktstrategie gegenüber Kanzlerin und CDU gebracht.

Der Einzige, der von Seehofers Rücktritt vom Rücktritt als Bundesinnenminister profitieren könnte, ist Markus Söder. Denn bei der bevorstehenden Landtagswahl droht den Christsozialen der Verlust der absoluten Mehrheit. Für diesen Fall braucht der neue bayerische Ministerpräsident einen Sündenbock. Horst Seehofer ist hierfür der ideale Kandidat, nachdem er die gesamte Republik durch sein beispielloses Zocken um Amt und Asylzentren in eine Krise gestürzt hatte.

Seehofer muss befürchten, bei einer CSU-Niederlage als nützlicher Idiot für seinen ungeliebten Nachfolger in der Staatskanzlei zu enden.  Warum tut er sich dies  an? Eine konsens- und sachorientierte Arbeit im Kabinett – oder notfalls auch ein rechtzeitiger Rücktritt – hätten dem verdienten CSU-Politiker alle Ehre gemacht. Diese Chance hat er in einer zu langen Verhandlungsnacht leider verspielt.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)