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Wie in einem Brennglas zeigen sich momentan im Sudan die Möglichkeiten und die Hürden für eine demokratische Entwicklung in Afrika. Einerseits präsentiert sich eine beeindruckende und mutige Zivilgesellschaft. Vor allem junge Menschen und Frauen bieten dem alten Regime friedlich die Stirn. Das hat die Streitkräfte zunächst davor zurückschrecken lassen, die Proteste gewaltsam niederzuschlagen. Stattdessen wurde der bisherige Präsident abgesetzt.

Andererseits soll alles beim alten bleiben. So wollen die Militärs jetzt – angeblich nur übergangsweise – für zwei Jahre weiterregieren, statt die Amtsgeschäfte an Zivilisten zu übergeben. Das heißt im Klartext: Es zeichnet sich im Sudan bislang nur ein Wechsel weniger Köpfe aber nicht der wirklichen Machtverhältnisse ab. Zu groß ist die Sorge der Offiziere, sie könnten ihre gewohnten Pfründe verlieren und obendrein wegen zahlreicher Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen juristisch zur Verantwortung gezogen werden.

Damit ist es auch sehr unwahrscheinlich, dass der internationale Haftbefehl wegen Völkermords gegen Omar al-Baschir vollstreckt werden kann. Der abgesetzte sudanesische Präsident soll am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag für den Tod von 300.000 Menschen zur Rechenschaft gezogen werden, die laut UNO bei Kämpfen zwischen Regierungstruppen und Rebellen in der Provinz Darfur umgekommen sind. Viele wenn nicht alle Offiziere, die Baschir jetzt festgesetzt haben, dürften in irgendeiner Weise an den Vorgängen beteiligt gewesen sein. Diese Komplizenschaft blockiert einen Neuanfang, den der Sudan politisch und wirtschaftlich dringend braucht.

Auch Europa muss an einem friedlichen Wandel sehr gelegen sein. So gehört der Sudan zu den 25 ärmsten Ländern der Welt. Entsprechend groß ist der Bedarf an Entwicklungshilfe, entsprechend verführerisch können in einer solch verzweifelten Lage die Parolen von gefährliche Islamisten wirken oder auch Gedanken an eine Flucht ins wohlhabende Europa.

Schon aus Eigeninteresse sollte die EU deshalb die friedliche Protestbewegung im Sudan mit viel Augenmaß und Fingerspitzengefühl unterstützen. Eine gewaltsame Eskalation muss ebenso verhindert werden wie eine dauerhafte Etablierung der jetzigen Militärmachthaber. Es darf nur ein politisches Ziel geben: Der geordnete Übergang zu einer zivilen, kompetenten und frei gewählten Regierung.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)