Es ist schon kurios. Angela Merkel wird nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern wegen ihrer Flüchtlingspolitik vom Koalitionspartner SPD und erst recht von der Schwesterpartei CSU heftig kritisiert. Nur die Grünen finden plötzlich warme Worte für die Kanzlerin. Man könnte fast meinen, sie säßen bereits statt Sozialdemokraten und Christsozialen gemeinsam mit Merkel am Kabinettstisch. Dabei ist es noch ein ganzes Jahr bis zur nächsten Bundestagswahl. Viel Zeit, um in Berlin die politischen Karten noch einmal kräftig durchzumischen.

Auch Merkel dürfte sich daran in bekannter Manier beteiligen, falls sie erneut als Spitzenkandidatin antritt. Die Kanzlerin hat in der Vergangenheit mehrfach gezeigt, wie überraschend und abrupt sie fest geglaubte Bastionen räumen kann – siehe nur Atomausstieg und Abschaffung der Wehrpflicht. Die Grünen können daher nicht wissen, ob und inwieweit sich Merkels aktuelle Positionen überhaupt im späteren Kurs der Union nach der Bundestagswahl wiederfinden. Ihr heutiges Lob könnte daher verfrüht sein, zumal sich ja auch die CSU in einer möglichen schwarz-grünen Koalition inhaltlich vertreten fühlen müsste.

Gleichwohl: Der Vorwahlkampf für den Bund ist spätestens seit der Erdrutschwahl in Mecklenburg-Vorpommern voll entbrannt. Geschickt bringen sich die Grünen dabei in eine Position, aus der heraus sie gesichtswahrend im Bund sowohl mit der CDU als auch mit der SPD koalieren könnten. Durch die demonstrative Unterstützung für Merkel in der Flüchtlingsdebatte ist die frühere Fixierung auf Rotgrün endgültig Geschichte. Mehr noch: Die Kritik der Grünen an Sigmar Gabriels Schlingerkurs in der Flüchtlingsdebatte sollte den Genossen eine Warnung sein. Wenn sie sich weiter so aus ihrer Verantwortung für die Regierungsbeschlüsse in Sachen Asyl stehlen, könnten sie bei den Koalitionsüberlegungen nach der Bundestagswahl von vornherein das Nachsehen haben.

Für die CDU sind dies an sich günstige Perspektiven. Aber sie werden drastisch verdunkelt durch die immer heftiger werdenden Streitigkeiten mit der CSU. Deren Absetzbewegungen von Merkel und der gemeinsamen Regierungspolitik in Berlin schmälern die Chancen der Union insgesamt. Nur die AfD darf sich über solche Schützenhilfe aus Bayern freuen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)