Die EU sollte sich von der Reise des türkischen Präsidenten nach St. Petersburg weder provozieren noch bluffen lassen. Zwar möchte Erdogan durch das Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Putin den Kritikern in Europa demonstrieren: Ich kann auch anders. Aber das darf für Brüssel kein Grund sein, nicht länger den gescheiterten Putsch und die anschließenden Säuberungen gleichermaßen zu kritisieren. Auch sind die türkischen Bindungen an den Westen viel zu eng, als dass Erdogan sie über Nacht zu Gunsten Moskaus wesentlich verändern könnte. Im Übrigen stabilisieren bessere Beziehungen zwischen Russland und der Türkei die südöstlichen Nachbarregionen von EU und NATO – zumindest auf längere Sicht. Dies gilt auch mit Blick auf die von Ankara und Moskau anvisierten Großprojekte im Energiesektor.

Und dennoch: Die Art und Weise, wie Erdogan verbal und atmosphärisch auf Konfrontation zum Westen geht, bleibt beunruhigend. Der Präsident verhält sich immer gereizter, sprunghafter, emotionaler – kurz unberechenbarer. Selbst wenn sich Europa und die USA vielleicht nicht schnell und scharf genug vom Putschversuch in der Türkei distanziert haben sollten: Erdogans Unterstellung einer westlichen Komplizenschaft ist abwegig und böse. Der Staatschef schürt damit bei seinen Landsleuten nationalistische Vorurteile und gefährliche Hassgefühle, die sich nur noch schwer wieder einfangen lassen. Wo soll das hinführen? Man kann den Eindruck gewinnen, Erdogan selbst wisse es derzeit nicht so genau.

Umso wichtiger ist es, dass führende EU-Politiker rasch das direkte Gespräch mit dem türkischen Präsidenten suchen – als Geste der Solidarität nach dem Putschversuch und als gute Gelegenheit, die Krise in und mit der Türkei zu entschärfen. Angela Merkel sollte hier den Anfang machen. Denn Deutschland ist als Hauptziel der Flüchtlingswelle und als Heimat für Millionen türkischstämmige Bürger besonders von der jüngsten Entwicklung betroffen.

Eine baldige Reise der Kanzlerin an den Bosporus würde gewiss noch keinen sofortigen Durchbruch zum Positiven bringen. Aber der Versuch sollte gemacht werden. Denn eine solche Visite könnte das Verhältnis langfristig entkrampfen helfen. Und das ist allemal besser als tatenlos zuzusehen, wie sich Erdogan und seine Gefolgsleute weiter in eine antiwestliche Hysterie hineinsteigern.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)