Eines lässt sich nach der Rede von Emmanuel Macron vor dem Europaparlament mit Gewissheit sagen: Seine Reformpläne werden weiterhin auf großen Widerstand stoßen. Denn der französische Präsident befürwortet eine radikale Vertiefung der Union, ohne gleichzeitig auf nationale Befindlichkeiten allzu viel Rücksicht zu nehmen.

Dies mag politisch sympathisch sein und sogar sachlich geboten. Gleichwohl muss Macron die politisch-kulturellen Nebenwirkungen seiner Reformziele stärker berücksichtigen. Sonst droht aus der Vision ein bloßer Fall für Archivare zu werden. Dies wäre fatal, denn das Projekt EU braucht dingend wieder neuen Schwung.

Vorrangig ist jetzt, dass rasch über die Details einer möglichen Reform im Sinne Macrons gesprochen wird. Hier muss der Präsident Klartext reden. Denn bislang hatte er vornehmlich die Richtung und den generellen Weg beschrieben, nicht aber die einzelnen Schritte und ihre Folgen. Doch die könnten am Ende für die Steuerzahler unkalkulierbar teuer werden, Stichwort Europäischer Währungsfonds.

Momentan schlägt Macron vor allem aus Mittelosteuropa reichlich Skepsis bis hin zu offener Ablehnung entgegen. Dort heißt die Devise: lieber weniger als mehr Integration. Macron hat auch jetzt in Straßburg zu wenig getan, um diese negative Grundstimmung zugunsten seiner Reformideen zu ändern. Dazu hätte er detailliert darlegen müssen, welche konkreten Vorteile seine Pläne für die einzelnen Bürger haben – und selbst dies wäre vermutlich noch zu wenig gewesen. Denn die EU ist momentan so unpopulär wie selten zuvor. Da kann auch ein so begnadeter Redner wie Macron das Blatt allein kaum wenden.

Somit kommt es jetzt entscheidend auf Angela Merkel an. Sie muss endlich klarstellen, wie weit Berlin den Vorschlägen aus Paris grundsätzlich folgen kann. Und vor allem muss die Kanzlerin ins politisch Kleingedruckte gehen, damit es am Ende für Deutschland nicht zu unangenehmen finanziellen Überraschungen kommt.

Und dennoch: Macron verdient einen Vertrauensvorschuss. Viel zu lange hat kein Politiker das Thema Europa so mutig und grundlegend auf die Tagesordnung gesetzt wie er. Scheitert Macron mit seinen Ideen, wäre eine historische Chance vertan, den Europäer wieder mehr Einfluss in der internationalen Politik zu verschaffen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)