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Die Dauer der Brüsseler Beratungen hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits ist verständlich, dass solch wichtige und politisch sensible Personalentscheidungen viele Aspekte berücksichtigen müssen. Das erfordert genügend Sorgfalt und Zeit. Und die nehmen sich die Staats- und Regierungschefs vernünftigerweise.

Andererseits stellt sich die Frage, weshalb manche Alternativen nicht stärker im Vorfeld abgeklärt werden konnten. Die Vorbehalte etwa gegen Manfred Weber sind schließlich nicht erst seit dem Wochenende bekannt. So konnte in der Öffentlichkeit wieder einmal der ebenso unnötige wie fatale Eindruck entstehen, die EU arbeite viel zu langsam und sei deshalb nur eingeschränkt handlungsfähig.

Dabei ist genau das Gegenteil richtig. Demokratische Prozesse brauchen eben manchmal etwas mehr Zeit, ohne dass deswegen gleich von einer Krise gesprochen werden sollte. Denn viel wichtiger als Tempo ist am Ende ein Beschluss, der ebenso sachbezogen wie konsensorientiert ist. Sonst drohen später Blockaden oder Zerreißproben, die die Union von innen heraus zerstören – kurzum ein politischer Alptraum.

Auch sonst ist Gelassenheit angesagt. Denn dass Weber nicht Chef der EU-Kommission wird, dürfte bald vergessen sein. Auch in Deutschland, wo der ambitionierte und sympathische Niederbayer bis zuletzt wenig bekannt geschweige denn populär war. Hinzu kommt, dass Weber im Europäischen Parlament zwar die größte Fraktion, aber nicht die Mehrheit aller Abgeordneten hinter sich weiß. Deshalb wirkte die Unterstützung von Kanzlerin Merkel für den EVP-Spitzenkandidaten auch nur wie eine Pflichtübung. Dem Argument von Frankreichs Präsident Macron, Weber sei nicht regierungserfahren und habe kein Charisma, konnte sie wenig entgegenhalten.

Ohnehin verliert die Kanzlerin in Brüssel zusehends ihren früheren Einfluss. Entscheidend dafür ist der fehlende Schulterschluss mit Macron. Auf dessen weitreichende EU-Reformpläne hatte Merkel nur höflich und hinhaltend reagiert, was gleichbedeutend mit Ablehnung war. Sie selbst legte keine dialogfähigen Gegenvorschläge vor – Bonn und Paris haben sich an dieser Stelle nur noch wenig zu sagen. Auch in Personalfragen sprechen beide in der EU nicht mehr von vornherein mit einer Stimme, wie die jüngsten Vorgänge in Brüssel gezeigt haben. Das ist sehr bedauerlich.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)