Es ist kaum noch zu ertragen: FBI-Ermittlungen gegen Hillary Clinton, dubioses Steuergebaren von Donald Trump, Vorab-Infos bei TV-Debatten. Fast im Stundentakt kommen Skandalmeldungen aus dem amerikanischen Wahlkampf. Man könnte sich – je nach Geschmack – peinlich berührt abwenden oder spannend unterhalten fühlen. Das Problem ist nur: Hier läuft nicht die fiktive TV-Serie House of Cards sondern der reale und aktuelle Kampf um den Einzug ins Weiße Haus. Und das Ergebnis betrifft jeden, auch in Deutschland.

Denn egal wer letztlich gewinnt, die USA gehen politisch geschwächt in die neue Präsidentschaft. Das verheißt auch für die europäischen Verbündeten nichts Gutes. Sie werden künftig in internationalen Konflikten stärker auf sich allein gestellt sein, weil die Politiker in Washington erst einmal vollauf mit sich selbst beschäftigt sein dürften. Weder Clinton noch Trump verfügen über genug persönliche Glaubwürdigkeit für einen raschen und überzeugenden Neuanfang. Das macht sie beide innenpolitisch höchst angreifbar. So müssten Abgeordnete und Senatoren nicht befürchten, vom Wahlsieger vor der Nation moralisch in die Enge getrieben zu werden. Der Widerstand im Kongress gegen unpopuläre Maßnahmen wird entsprechend groß sein.

Hinzu kommt ein stark vergiftetes Klima voller Intrigen, Verdächtigungen, Schmähungen. Gewiss, auch in früheren US-Wahlkämpfen wurde nicht mit Samthandschuhen gekämpft. Aber dieses Mal sind alle Dämme gebrochen. In erster Linie ist Trump schuld daran. Doch Hillary Clinton bietet dank eigener Fehler auch viele Angriffsflächen. So sollte bei aller Kritik am Verhalten des FBI-Chefs in der E-Mail-Affäre nicht vergessen werden, dass am Anfang des Skandals dienstliche Unkorrektheiten der damaligen Außenministerin standen.

Dennoch bleibt die frühere First Lady trotz all ihrer Schwächen im Vergleich zu Trump die eindeutig bessere Wahl. Sie wäre auf das höchste Staatsamt fachlich gut vorbereitet. Ihre Erfahrung und internationale Kompetenz sind groß. Das macht sie auch für die Europäer berechenbar. Gleichwohl ist ein Sieg Clintons in der nächsten Woche keinesfalls sicher. Je näher der Wahltermin rückt, desto größer wird das Risiko neuer Entwicklungen oder „Enthüllungen“, auf die in der Kürze der verbleibenden Zeit nicht mehr angemessen reagiert werden kann. Damit gewinnt die entscheidende Phase des Wahlkampfs fast schon den Charakter eines Glücksspiels.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)