Das Verhalten der türkischen Regierung gegenüber Deutschland und insbesondere den Niederlanden gleicht immer mehr einem politischen Amoklauf. Ohne Rücksicht auf mögliche Folgen steuert Präsident Erdogan sein Land aus reiner Machtgier ins Abseits. Besonders erschreckend ist dabei die Gleichgültigkeit, mit der er die dramatischen wirtschaftlichen Risiken hinnimmt.

Die Währung verliert stark an Wert, der für die Türkei so wichtige Tourismus droht weiter einzubrechen, und auch ausländische Investoren überdenken ihre Pläne. Das trifft die Menschen härter als jede staatliche Sanktion. Trotzdem dreht Erdogan weiter an der Eskalationsschraube. Entsprechend schwierig ist es für die EU, eine passende Antwort auf die Provokationen zu finden.

In jedem Fall wäre es unklug, wenn die EU ihrerseits den Druck auf die Türkei drastisch erhöhen würde. Erdogan könnte dann bloß die Reihen hinter sich weiter schließen. Er würde sein Land als Ziel eines feindlichen politischen Angriffs darstellen, und jeder Türke hätte die patriotische Pflicht, den Präsidenten zu unterstützen – eine ebenso geschickte wie perfide Form des Wahlkampfs für die geplante Verfassungsänderung zu Gunsten Erdogans. Schlimmer noch: Oppositionelle müssten befürchten, in einer solchen Situation noch schneller als Verräter und Terroristen abgestempelt zu werden.

Dagegen hilft aus Sicht der EU nur eines: Ruhe bewahren und zugleich versuchen, der türkischen Bevölkerung die negativen Folgen von Erdogans unverantwortlicher Chaospolitik vor Augen zu führen. Allein die Bürger am Bosporus haben es in der Hand, ihren Präsidenten zu mäßigen. Der beste Weg dazu sind möglichst viele Neins bei der Volksabstimmung im April.

Entscheidend bleibt aus europäischer Sicht, nicht alle Brücken zur Regierung in Ankara und insbesondere zur türkischen Zivilgesellschaft abzubrechen. Doch selbst wenn das Ergebnis beim Referendum wider Erwarten zu einem kleinen oder gar großen Denkzettel für Erdogan werden sollte: Eine schnelle Rückkehr zur früheren Normalität kann es nicht geben. Dafür ist in den vergangenen Wochen zu viel Vertrauen verloren gegangen. Gleichwohl ist vor allem Deutschland an einem möglichst guten Verhältnis zu den Bürgern am Bosporus interessiert. Daran können die Türken politisch anknüpfen, sobald sich die Gemüter in ihrem Land wieder abgekühlt haben.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)