Niemand sollte James Comey als Person eine Träne nachweinen. Der geschasste FBI-Chef hat des Öfteren – freundlich gesagt –unglücklich agiert. Seine eigenartigen Ermittlungen wenige Tage vor der Wahl im vergangenen November kosteten Hillary Clinton vermutlich die Präsidentschaft. Donald Trump hatte ihn seinerzeit dafür ausdrücklich gelobt – gewiss kein Ruhmesblatt für Comey.

Doch kaum beginnt das FBI die Russland-Verbindungen des Trump-Teams genauer zu durchleuchten, wird er vom Präsidenten nach wenigen Monaten völlig überraschend und spektakulär gefeuert. Tatsächlich nur Zufall, wie das Weiße Haus versichert? Es drängt sich wohl eher der Eindruck von massiver Einflussnahme zum eigenen Vorteil auf. So oder so: Trump wird den Amerikanern in Sachen Russland und Comey noch einiges erklären müssen.

Der Präsident und sein Team geraten immer tiefer in einen Sumpf von Gerüchten, Ungereimtheiten, Anschuldigungen. Noch stehen die eigenen Parteileute zumeist hinter Trump, auch wenn viele mittlerweile laut mit den Zähnen knirschen. Allerdings gibt es bei der Unterstützung auch Grenzen. Denn egal ob Demokraten oder Republikaner: Niemand im Kongress dürfte Abhängige oder gar Handlanger des Kreml im Weißen Haus dulden wollen. Trump müsste deshalb selbst am meisten an einer Entspannung in der Affäre interessiert sein. Comeys Entlassung ist jedoch das Gegenteil. Denn das Signal kann beim FBI kaum anders gedeutet werden als: Kommt uns im Weißen Haus bloß nicht zu nah.

Parallelen zu Richard Nixon drängen sich auf, der vor über 40 Jahren einen für ihn unbequemen Sonderermittler in der Watergate-Affäre entließ. Den Verlust der Präsidentschaft konnte Nixon damit am Ende nicht verhindern. Noch ist Trump davon um einiges entfernt. Denn bislang kam nichts zu Tage, was zu einer ähnlich dramatischen Zuspitzung wie bei Nixon führen könnte. Gleichwohl scheint mittlerweile nichts mehr ausgeschlossen.

Klar ist nur eines: Kongress und Justiz arbeiten weiterhin gewohnt selbstbewusst und unabhängig. Ihnen gegenüber kann Trump nicht Herr im Haus spielen, sondern muss sich wie andere Amtsinhaber auch an Recht und Gesetz halten. Daher bleibt bei allem Erschrecken über das Verhalten des Präsidenten inklusiver der Entlassung Comeys das Vertrauen in die Stabilität und die Selbstreinigungskräfte der amerikanischen Demokratie groß.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)