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Annegret Kramp-Karrenbauer hat in der Sache recht: Die Bundeswehr muss international eine deutlich stärkere Rolle spielen. Nur so können langfristig die deutschen Sicherheitsinteressen und der Zusammenhalt des westlichen Bündnisses gewahrt sowie die Aufgaben der Vereinten Nationen angemessen unterstützt werden. Oder anders ausgedrückt: Deutschland ist längst zu groß und wichtig geworden, um sich bei Krisen auf eine Nebenrolle zu beschränken. Kramp-Karrenbauer hat insofern mit ihrer Grundsatzrede nur das ausgesprochen, was im Ausland von Berlin und der Bundeswehr seit Jahren gefordert und erwartet wird.

Umso bedauerlicher ist, dass die Ministerin bei ihrem Vorstoß keinerlei taktisches Gespür geschweige denn strategische Klugheit zeigt. Sie spricht wie eine Professorin, die nur der reinen Lehre und Wissenschaft verpflichtet ist. Doch für eine Politikerin gelten strengere Maßstäbe. Sie darf nicht nur erklären und fordern, sondern muss für ihre Pläne auch Wege zur Umsetzung aufzeigen. Das hat Kramp-Karrenbauer sträflich versäumt, indem sie den Koalitionspartner und die Öffentlichkeit mit ihren Ideen überrumpelte.

Entsprechend kritisch bis klar ablehnend fielen die Reaktionen vor allem in der SPD aus. Vorbereitende Gespräche hätten dies womöglich verhindern können. So aber haben sich wichtige Politiker unnötig früh gegen die Vorschläge Kramp-Karrenbauers festgelegt. Damit sind die Erfolgschancen für die Ministerin gegen Null gesunken.

Hinzu kommt, dass die Bundeswehr materiell noch weit davon entfernt ist, die ihr zugedachte neue Rolle überhaupt spielen zu können. Die jahrelangen Einsparungen im Verteidigungsetat haben die Einsatzfähigkeit der Truppe stark gemindert. Hier muss Kramp-Karrenbauer erst einmal erfolgreich gegensteuern, bevor realistischerweise über zusätzliche Aufgaben geredet werden sollte.

Was bleibt, ist ein nicht zu Ende – sprich praktische Umsetzung – gedachter Vorschlag zur Unzeit. Kramp-Karrenbauer hat damit weder sich, der Bundeswehr noch der deutschen Sicherheitspolitik einen Dienst erwiesen. Die skeptischen Fragen nach ihrer Eignung als mögliche Kanzlerkandidatin dürften deshalb in der Union weiter zunehmen.