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Eines muss man Sarah Wagenknecht lassen: Sie vermag einen politischen Wirbel zu erzeugen, von dem konkurrierende Genossen nur träumen können. So auch mit ihrer neuen Sammlungsbewegung „Aufstehen“, die jetzt offiziell gestartet ist. Bereits über 100.000 Menschen haben sich nach ihren Angaben online angemeldet. Doch diese zunächst beeindruckende Zahl könnte sich schnell als heiße Luft erweisen. Schließlich ist ein Klick im Internet noch lange keine Stimme in der Wahlurne – sei es später für „Aufstehen“ direkt oder schon jetzt indirekt für Politiker, die sich Wagenknechts Anliegen verbunden fühlen.

Ob sich dies jemals ändert, bleibt fraglich. Denn die Reaktion von potenziellen Hauptverbündeten ist verständlicherweise kühl bis kritisch. Dies liegt nicht zuletzt an der Person Wagenknecht. Die Linken-Fraktionschefin gilt selbst innerhalb ihrer eigenen Partei als Reizfigur, die trotz großen Talents und starker Rhetorik mehr polarisiert als begeistert. Dies sind keine guten Voraussetzungen für die Inspiration und Führung einer Sammlungsbewegung, die sehr unterschiedliche Kräfte bündeln und gemeinsam nach vorne bringen soll.

Hinzu kommt, dass ihr Ehemann und politischer Weggefährte Oskar Lafontaine ebenfalls als Gesicht von „Aufstehen“ herhält. Für ihn gilt das gleiche wie für Wagenknecht: Große Kompetenzen aber mindestens ebenso viele heikle Punkte etwa beim Thema Flüchtlinge und Integration, die Linke eher zweifeln als jubeln lassen. Und als ehemaliger SPD-Chef bleibt der Name Lafontaine für viele Sozialdemokraten ohnehin eine Provokation, insbesondere in Verbindung mit einer parteiübergreifenden Sammlungsbewegung.

All dies erschwert den Start von „Aufstehen“, auch wenn einige Aktivisten insgeheim von einem ähnlichen Überraschungserfolg wie bei Emmanuel Macrons „En Marche“ in Frankreich träumen mögen. Wagenknecht selbst wirkt da weniger optimistisch. Sonst hätte sie sich ganz ihrem neuen Projekt verschrieben statt sich weiterhin an den Posten als Fraktionsvorsitzende der Linken zu klammern. Denn beides gleichzeitig geht auf Dauer nicht: Sitzenbleiben und „aufstehen“, profiliertes Aushängeschild einer Partei zu bleiben und gleichzeitig Kopf einer inhaltlichen und organisatorischen Alternative zu werden.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)