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Was auch immer die genauen Hintergründe der tödlichen Schüsse auf eine junge Frau sein mögen: Die jüngsten Ausschreitungen in Nordirland zeigen einmal mehr, wie dringend notwendig ein gutes Ende des Brexit-Streits ist. Denn der geplante Austritt Großbritanniens aus der EU bergen die Gefahr, dass der nordirische Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten wieder offen ausbricht – vielleicht nicht ganz in der früheren Dimension, aber doch blutig genug, um Tausende von Familien in schreckliches Leid zu stürzen.

Dies scheinen viele Parlamentarier im Londoner Unterhaus verdrängt zu haben, wenn sie wie Zocker mit der Zukunft ihres Landes spielen. Man kann nur hoffen, dass diese abgehobenen Politiker die Ostertage zum gründlichen Nachdenken über ihre historische Verantwortung nutzen.

Erst 1998 konnte mit dem Karfreitagsabkommen ein jahrzehntelanger Konflikt beendet werden, bei dem tausende Menschen getötet wurden – von den unzähligen Verletzten und zerstörten Lebensträumen ganz zu schweigen. Und all dies soll wieder riskiert werden, nur weil ehrgeizige Londoner Politiker ihre Mitbürger beim Thema Brexit mit Lügen und Halbwahrheiten um den Verstand geredet haben?

Dies ist schwer zu fassen, zumal es zumindest für die Menschen in Nordirland dabei buchstäblich um Leben und Tod gehen kann. Sie haben am eigenen Leib erfahren, dass die Europäische Union nicht nur Finanzvorteile bringt, sondern in erster Linie ein großartiges Friedensprojekt für seine Mitglieder ist.

Die jüngsten Ereignisse in Nordirland sollten daher für London und Brüssel ein weiterer Ansporn sein, möglichst rasch wieder aufeinander zuzugehen. Je enger Großbritannien und die EU miteinander verbunden sind, desto besser für alle – und ganz besonders für die Iren.

Auch in anderen Teilen Europas würden Frieden und Stabilität leichter zu gewährleisten sein, falls Großbritannien am Ende doch in der Union bliebe. Hinzu käme für die Briten die Chance, auch international stärker die eigenen Interessen zu vertreten. So dürften die vergangenen Monate der Regierung von Theresa May drastisch vor Augen geführt haben, wie schwach etwa in Zoll- und Handelsfragen ein mittlerer Nationsstaat im Wettbewerb mit den Großen wie USA oder China dasteht.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)