Gregor Gysi hatte mit seiner Kritik im Vorfeld des Parteitags völlig Recht: die Linke ist momentan saft- und kraftlos. Die Delegierten in Magdeburg vermieden spätestens nach dem Tortenwurf auf Sahra Wagenknecht jede ehrliche Aufarbeitung ihrer jüngsten Wahlschlappen. Vor allem in Sachen AfD herrschte Ratlosigkeit – eine heikle Situation.

Einerseits möchten viele Linke gerne mehr Regierungsverantwortung übernehmen. In ostdeutschen Ländern ist dies schon gelebte Praxis. Andererseits will die größte Oppositionspartei im Bundestag auch ein Sammelbecken des Protests und all derjenigen werden, die mit der Berliner Großen Koalition unzufrieden sind. Und genau dieser Spagat misslingt derzeit. Die Rechtspopulisten der AfD wildern erfolgreich in der potenziellen Klientel der Linken – ein Alptraum für jeden Sozialisten.

Was tun? In Magdeburg gab es keine überzeugenden Antworten. Inhaltlich bewegten sich die Delegierten auf den gewohnten, etwas langweiligen Bahnen. Es fehlten neue griffige Konzepte oder Ideen, die zentrale Themen knapp auf den Punkt bringen und Wähler mobilisieren können. Oder um Gysis Formulierung aufzugreifen: Es wirkte alles ziemlich saft- und kraftlos.

Stichwort Gysi. Bezeichnend für den Zustand der Linke ist, dass der frühere Fraktionschef nicht einmal persönlich nach Magdeburg reisen musste, um dem Parteitag seinen Stempel aufzudrücken. Seine Nachfolger mühen sich zwar redlich, konnten auch interne Richtungsstreitereien entschärfen. Aber zum Gesicht der Partei in der breiten Öffentlichkeit sind sie noch nicht geworden. Gysi und auch Oskar Lafontaine werfen weiterhin zu große Schatten. Das ist ein Armutszeugnis für das aktuelle Führungspersonal und schwächt die Partei zusätzlich.

Lediglich Sahra Wagenknecht ragt aus der Durchschnittlichkeit heraus. Geschickt weiß sich die Co-Fraktionschefin öffentlich zu inszenieren. Doch inwieweit spricht sie auch tatsächlich für die Linke? Der unsägliche Tortenwurf von Magdeburg hat leider eine offene Debatte darüber verhindert, weil sich Anhänger und Kritiker Wagenknechts anschließend verständlicherweise in Solidarität mit der Attackierten übten. Auf der Strecke blieb dabei die inhaltliche Auseinandersetzung mit ihren Thesen zur Flüchtlingspolitik – eine vertane Chance für die Linke, die eigene Programmatik endlich wieder stärker mit einem werbewirksamen Gesicht zu verbinden.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)