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Für die CSU ist das jüngste Wahlergebnis ein politisches und psychologisches Desaster. Zwar können Parteien anderswo von 37 Prozent der Stimmen nur träumen. Doch für die Christsozialen endet damit ihre Rolle als eine Art bayerische Staatspartei.

Fast noch schlimmer ist der zunehmende Realitätsverlust ihres Spitzenpersonals. Ministerpräsident Söder geht schon am Wahlabend unverhohlen auf die Freien Wähler zu, um mit ihnen de facto weiter zu regieren wie bisher. Und Parteichef und Bundesinnenminister Seehofer verkündet trotzig, er wolle alle Ämter behalten. Von Stilwandel und überfälliger Erneuerung der Partei ist bei ihnen nichts zu spüren.

Besser könnte es für die künftige Opposition im Münchner Landtag nicht laufen. Insbesondere die Grünen dürften sich dort als stärkste Fraktion weiter als große Gegenspieler profilieren. Einst von gestandenen Christsozialen als Ökoträumer verspottet oder als linke Chaoten denunziert, haben sich die Grünen inzwischen zur bürgerlichen Alternative zur CSU entwickelt. Die eifrigsten Helfer dabei: Markus Söder und vor allem Horst Seehofer.

Der Bundesinnenminister hat mit seinen konfrontativen Äußerungen zu Kanzlerin Merkel und zur Flüchtlingsthematik viele konservative Wähler verprellt. Deren Motto: Tradition, Modernität und Sicherheit gehören zu Bayern, aber auch Liberalität und Menschlichkeit. Diese Spannbreite hat die CSU als klassische Volkspartei über Jahrzehnte beispielhaft verkörpert. Das ist unter Seehofer – mit Beihilfe oder zumindest Duldung Söders – verloren gegangen. Stattdessen versuchte die CSU, der AfD die rechten Themen wegzunehmen. Sie vergaß dabei aber ihre eigentliche Kernkompetenz: Sammelbecken für die politische Mitte zu sein. Deren Wertekompass und Lebensgefühl verloren Seehofer und Söder zunehmend aus den Augen.

Der Ministerpräsident erkannte die Gefahr zu spät. Seine verbalen Kurskorrekturen in der Schlussphase des Wahlkampfs brachten keine Wende mehr. Im Gegenteil, sie verstärkten nur noch Söders persönliche Glaubwürdigkeitsprobleme. Kurzum, die CSU hatte sich strategisch von Anfang an denkbar schlecht positioniert. Das muss die Partei jetzt systematisch aufarbeiten sowie inhaltliche und personelle Konsequenzen ziehen. Söder und Seehofer dürfen sich hier nicht verweigern und damit aus ihrer Verantwortung für das Wahldesaster stehlen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)