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Der innerbritische Streit um den Brexit wird immer absurder. So ruft Labour-Chef Jeremy Corbyn jetzt nach Neuwahlen, falls Premierministerin Theresa May am 15. Januar mit ihrem Vertragstext im Unterhaus scheitern sollte. Doch was will und kann er damit eigentlich erreichen? Dazu schweigt Corbyn beredt. Ihm scheint es vor allem um die Macht und neue Posten für Labour zu gehen. Denn seine inhaltliche Kritik an May ist scheinheilig, solange sie nur auf die Forderung nach Neuverhandlungen mit Brüssel hinaus läuft.

Corbyn muss wissen, dass weitere Zugeständnisse der EU auch bei einem Regierungswechsel keinesfalls zu erwarten sind. May hat schon das Äußerste für London erreicht. Hinzu kommt der immense Zeitdruck. Wenn nichts Grundlegendes mehr geschieht, schließt sich Ende März für die Briten die Tür zum Kontinent. Neuwahlen sind unter solchen Umständen reine Zeitverschwendung. Stattdessen sollten die Briten jetzt in einem neuen Referendum Farbe bekennen: Ja zum Brexit unter den vorliegenden Konditionen, Ende März ungeregelter Austritt aus der EU oder das ganze Vorhaben in letzter Minute doch noch abblasen.

Letzteres ist mit Abstand die beste Lösung. Angesichts der historischen Bedeutung wäre es unverantwortlich, ohne erneutes Referendum der EU den Rücken zu kehren. Dies mag vielen Politikern nicht gesichtswahrend erscheinen. Zu heftig waren die bisherigen Kontroversen, zu rosig die mit dem Brexit verbundenen Zukunftsversprechen. Doch am Ende sollte die kühle Vernunft zählen. Und die gebietet klar einen Verbleib in der Europäischen Union. Diese Einsicht wächst auch bei zahlreichen britischen Bürgern, je näher die Stunde des vorgesehenen Austritts rückt.

Denn mittlerweile können die Bewohner der Insel genauer abschätzen, auf welches Abenteuer sie sich mit einem solchen Schritten politisch und wirtschaftlich einlassen würden. Da ist es nur recht und billig, sie erneut entscheiden zu lassen. Ist Ihnen mehr nationale Selbstbestimmung tatsächlich den immens hohen Preis wert? Wenn ja, dann sollten sie selbstverständlich gehen dürfen, so bedauerlich dies für die übrigen Mitglieder der Europäischen Union auch wäre. Doch wenn nein, dann sollten die Briten auch den Mut haben, einen Fehler ohne jegliche Scham zu korrigieren…

(Für Pressekorrespondenz Berlin)