Seite auswählen

Theresa May hat die Ruhe weg. In gut einem Monat steht ihr Land vor einem chaotischen Austritt aus der Europäischen Union. Und was unternimmt die britische Premierministerin dagegen? Sie reist mal wieder nach Brüssel und schickt ihren Außenminister nach Berlin. Beide fordern von den Noch-Partnern mehr Flexibilität und wollen den Eindruck vermitteln, als hätten sie und die Briten weiterhin die besseren politischen Karten und alle Zeit der Welt.

Manche mögen dieses Vorgehen als Härte und Prinzipientreue bewundern. Sie fühlen sich an die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher erinnert, die immer zuerst an ihr Land und nur in zweiter Linie – wenn überhaupt – an Europa dachte. Doch in Wahrheit zeugt Mays rastloses Reisen lediglich von Führungsschwäche, Phantasie- und Verantwortungslosigkeit. Denn die Premierminister hat augenscheinlich immer noch nicht die geringste Idee, wie sie den Brexit geordnet gestalten kann.

Dies ist kaum zu glauben. Schließlich handelt es sich hier nicht um ein x-beliebiges Regierungsprojekt sondern um eine historische Weichenstellung, die das Leben von Großbritanniens Bürger zutiefst verändern wird. Und nicht zum Positiven, so wie es momentan aussieht.

Die Politiker in London – egal ob Befürworter oder Gegners des Brexit – haben sich verrannt. Das Referendum zugunsten eines EU-Austritts kam für sie alle unerwartet. Das ist zwar unprofessionell, aber noch keine Katastrophe. Schließlich gab es danach genug Zeit, die neue Lage zu überdenken und praktische Lösungen zu entwickeln.

Eben dies ist jedoch unterblieben. Im Grunde befindet sich die politische Klasse in London immer noch am Tag eins nach der Volksabstimmung: Nachhutgefechte statt Nachdenken, Polemiken statt Pragmatismus prägen das innenpolitische Klima. Und gegenüber der EU herrscht eine eigenartige Sprachlosigkeit. Es wird nicht mit Augenmaß verhandelt sondern insgeheim der eigenen Bedeutung vertraut gemäß der Devise: Wir sind zu groß und zu wichtig, um von der EU einfach vor die Tür gesetzt zu werden.

Jetzt droht das böse Erwachen. Denn Brüssel pocht zu Recht auf die eigenen Rechte und Interessen – für Theresa May und die Briten eine bittere Lektion in Sachen Realpolitik.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)