Der Wahlsieg von Emmanuel Macron ist für die krisengeschüttelte EU wie ein politischer Lottogewinn: unverhofft, vielleicht unverdient und doch die Riesenchance auf eine bessere Zukunft. Denn statt Rückfall in nationalistische Muster haben sich die Franzosen für ein weltoffenes Frankreich entschieden. Besser hätte es aus EU-Sicht nicht kommen können.

Nun heißt es für die anderen Europäer, sich ebenfalls einen Ruck zu geben und diese historische Vorlage für mehr Zusammenhalt zu nutzen. Sonst könnten die Populisten von Rechts und Links am Ende doch noch triumphieren – etwas verspätet zwar, aber dann umso heftiger. Denn klar ist: Macrons Sieg löst noch keines der vielen europäischen Probleme – von Jugendarbeitslosigkeit, Verschuldung bis hin zur Flüchtlingskrise, um nur einige der wichtigsten zu nennen. Da ist noch viel zu tun.

Allerdings haben sich jetzt die Voraussetzungen für einen positiven Wandel deutlich verbessert. Der neue Präsident wird mit neuen Ideen und Initiativen nach Brüssel kommen. Und wichtiger noch: Er hat jetzt auch demonstrativ das innenpolitische Mandat dafür bekommen, mehr Europa statt nur mehr Frankreich zu wagen.

Man muss lange zurückschauen, um in der EU ein vergleichbares Aufbruchssignal zu finden. Doch hier ist es wie im Fußball: Zum Schluss zählen nicht die Stimmung im Stadion und die Torchancen, sondern nur die Treffer. Macron muss deshalb rasch erste Erfolge erzielen, um den Schwung zu halten und seine Macht durch die Parlamentswahlen im Juni zu festigen.

Deutschland sollte ihn hierbei durch entsprechende Signale und Zugeständnisse stärken. Denn dieser Präsident ist auch für seinen östlichen Nachbarn ein Glücksfall. Je enger und europa-orientierter Berlin mit Paris künftig zusammenarbeiten kann, desto besser für die eigene Wirtschafts- und Sicherheitspolitik.

Gleichwohl heißt es bei aller Solidarität mit Macrons neuem Kurs, einen kühlen Kopf zu bewahren und die langfristigen deutschen Interessen zu beachten. Dies gilt insbesondere bei den Themen Euro-Stabilität und gemeinsame Verschuldung von EU-Staaten. Hier geht es um viel Geld deutscher Steuerzahler. Und so groß die politischen Vorschusslorbeeren für Macron aus Deutschland auch sein sollten, einen spontanen Vorschuss in Form von Finanz- oder Haftungszusagen darf er nicht erwarten.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)