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Der Rücktritt von Mesut Özil aus der Fußball-Nationalmannschaft ist ein Armutszeugnis für den Spieler und die DFB-Führung. Sie alle haben die Brisanz des Treffens mit dem türkischen Präsidenten Erdogan sträflich unterschätzt und sich anschließend dilettantisch gegenüber der Öffentlichkeit verhalten. Nicht nur Özil, auch die Herren Löw, Bierhoff und Grindel sollten daher überlegen, ob sie jetzt nicht besser ebenfalls gehen sollten. Auch zeigt der Fall Özil mit seiner PR-Aktion für einen ausländischen Autokraten, wie überfällig eine Debatte über politische Grundwerte in Staat, Gesellschaft und nicht zuletzt in der Nationalelf ist.

Wer Deutschland als Sportler repräsentiert, übernimmt damit auch ein paar Pflichten. Dies hat die Führung des Teams offenkundig intern nicht gut genug vermittelt. Die Funktionäre – vom Trainer bis zum Präsidenten – unterschätzten die Vorbildfunktion, die sie und ihre Mannschaft jenseits des rein Sportlichen ausüben. Und entsprechend hilflos reagierten sie, als die Empörung von Fans, Medien und Politikern wegen der Fotos mit Erdogan über sie hereinbrach.

Noch schlimmer: Die Fußballbosse verknüpften die eigene miserable WM-Leistung mit Özils Verhalten in der Erdogan-Affäre. Das ist bestenfalls falsch und ungeschickt, schlimmstenfalls verantwortungslos und menschlich schäbig. Statt Schaden von einem verdienten Fußballer wie Özil abzuwenden, musste dieser das Gefühl bekommen, ein Bauernopfer für die DFB-Oberen zu werden. Gebotene Fürsorge für ein langjähriges Teammitglied sieht gewiss anders aus.

So etwas darf sich nicht wiederholen. Entscheidend sind künftig klarere Verhaltensregel für Nationalspieler und Funktionäre. Jeder muss wissen, wo genau für ihn in der Öffentlichkeit die Grenzen des Erlaubten sind. Auftritte mit Nicht-Demokraten und Willkürherrschern dürfen ebenso wenig geduldet werden, wie Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Sie widersprechen dem Markenkern des DFB: Leistung, Fairness und Toleranz.

Wer sich als Spitzenfußballer nicht an solche Vorgaben halten will, kann wegbleiben. Schließlich wird niemand gezwungen, für Deutschland zu spielen Die Plätze im Team sind heiß begehrt. Sie bringen dem Spieler internationale Anerkennung und steigern seinen Marktwert. Da ist es nur recht und billig, im Gegenzug neben sportlichen Spitzenleistungen auch korrektes Verhalten jenseits des grünen Rasens zu verlangen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)