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Für Emmanuel Macron ist die europäische Einigung eine Herzensangelegenheit. An diesem Punkt ähnelt der französische Präsident dem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl – so groß die Unterschiede zwischen den beiden auch sonst sein mögen. Wie Kohl wird Macron nicht müde, die EU als überragende, ja einzig vernünftige Chance für die Zukunft des Kontinents zu beschreiben.

Kohl hatte seinerzeit das Glück, dass die meisten seiner Amtskollegen Europa grundsätzlich aufgeschlossen und positiv gegenüberstanden. Bei Macron sieht dies leider anders aus. Er wirkt momentan wie der einsame Rufer in der Wüste – mit einer stimmigen Botschaft, die aber kaum einer seiner europäischen Partner hören geschweige denn befolgen will.

Die langfristigen Folgen dieses Desinteresses könnten verheerend sein. Die EU droht im politischen Kleinklein zu versinken. In immer mehr Mitgliedsstaaten gewinnen Gegner eines weiteren Einigungsprozesses die Oberhand. Sie verweisen auf die Defizite der Union, unterschlagen dabei jedoch die herausragenden Vorteile von mehr Wohlstand, Freizügigkeit und Sicherheit. Und vor allem erwecken sie den fatalen Eindruck, dass alle Errungenschaften auf ewig garantiert seien. Das Gegenteil ist richtig.

Die EU ist ein in der Geschichte beispielloses Projekt des friedlichen Zusammenlebens sehr unterschiedlicher Nationen. Ohne ständige Reformen und vor allem ohne wechselseitige Kompromissbereitschaft drohen Erstarrung und letztendlich Zerfall. Macron sieht die Gefahren. Und er ergreift die Initiative zum Gegensteuern. Das verdient gerade aus Deutschland mehr Unterstützung als bisher.

Kanzlerin Angela Merkel blockiert französische Ideen zwar nicht, aber von einem wünschenswerten Schulterschluss mit Macron ist sie weit entfernt. Dabei wären konkrete gemeinsame Initiativen das Gebot der Stunde. Berlin und Paris sollten zusammen Konzepte für eine EU 2030 präsentieren. Und sich in zentralen Bereichen wie Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik aufs engste miteinander verzahnen.

Natürlich können Macrons jüngste Vorschläge nicht sofort eins zu eins umgesetzt werden. Dafür sind allein schon die Befindlichkeiten im Ministerrat zu unterschiedlich. Aber zumindest sollte Merkel den Kurs Macrons demonstrativer als bisher unterstützen. Der bevorstehende Wahlkampf zum Europaparlament bietet dafür viele Gelegenheiten.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)