Der Dortmunder Parteitag soll für die SPD die Wende bringen. Martin Schulz muss endlich als Kanzlerkandidat überzeugen, damit die Bundestagswahl für die Sozialdemokraten nicht zum Fiasko wird. Und Schulz gibt sein Bestes, setzt auf Attacke gegen die Union und präsentiert durchaus handfeste Konzepte zur Steuer-, Renten und Sozialpolitik.

Die Unterschiede zur Union werden deutlich herausgearbeitet. Nichts bleibt ungesagt, was die Partei wieder mehrheitsfähig machen könnte. Sogar Altkanzler Gerhard Schröder, mit dem viele Linke immer noch ihre Probleme haben, wird als zusätzlicher Motivator wieder an die Front geschickt. Damit ziehen die Sozialdemokraten in Dortmund alle programmatischen und personellen Register, über die sie derzeit verfügen. Mehr geht aus ihrer Sicht nicht.

Gleichwohl springt der Funke nicht über. An Kanzlerin Angela Merkel prallt momentan alle Kritik ab. Sie hat nach einem Zwischentief im vergangenen Jahr wieder Fuß gefasst. Merkel spielt in überzeugender Weise ihre große Erfahrung und Berechenbarkeit aus. National und vor allem auch international bietet sie Gewähr für Stabilität und Sicherheit mit Augenmaß. Das wissen nicht nur die EU-Partner zu schätzen. Auch die Bundesbürger sind laut Umfragen mit der Arbeit der Kanzlerin mehrheitlich zufrieden. Ihre Beliebtheit erreicht 90 Tage vor der Wahl wieder Spitzenwerte.

Für die Sozialdemokraten bedeutet dies eine denkbar schlechte Ausgangslage, zumal Schulz nicht wie Schröder ein ausgebuffter und begeisternder Wahlkämpfer ist. Dessen legendäre und fast noch erfolgreiche Aufholjagd im Jahr 2005 bietet deshalb wenig Anregung für heute. Denn Schröder hatte damals nicht nur den Amtsbonus für sich, sondern er verfügte auch über ungewöhnlich viel persönliche Ausstrahlung – wichtige Punkte im Wahlkampf, die Schulz nicht oder kaum vorweisen kann.

Nur eines spricht jetzt noch für die Sozialdemokraten: ihr Kampfeswille und ihre in Dortmund gezeigte Geschlossenheit. Die einstimmige Annahme des Wahlprogramms zeigt, dass sich alle Genossen des Ernstes ihrer Lage bewusst sind. Das ist klug, denn Kritteleien am Kanzlerkandidaten oder unnötiges Palaver über das Programm wären zum aktuellen Zeitpunkt politisches Harakiri. Nur wenn die SPD jetzt ohne Wenn und Aber ihrem beschlossenen Kurs und Spitzenpersonal folgt, könnte sie noch im Schlussspurt entscheidend punkten – so schwierig dies auch sein mag.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)