Winfried Kretschmann ist mit sicherem Vorsprung zum baden-württembergischen Ministerpräsidenten gewählt. Aber ein Auftakt nach Maß war dies gewiss nicht. Offenkundig ist die Landes-CDU kein wirklich verlässlicher Partner. Es drohen Grabenkämpfe, die die Arbeit der Koalition gefährden – ein Risiko für die Grünen, aber vor allem für die CDU.

Die Wahl Kretschmanns erfolgte geheim. Doch dürfte nach den Probeabstimmungen kein  Zweifel bestehen, dass der Denkzettel von Unionsabgeordneten kommt.  Offenkundig ist es der CDU-Führung nicht gelungen, den internen Unmut auszuräumen oder wenigstens in geordnete Bahnen zu lenken. Einige Parlamentarier sind dabei, politischen Harakiri zu begehen. Denn nichts anderes ist die mutwillige Demontage der grün-schwarzen Regierungsarbeit durch frustrierte CDU-Abweichler.

So etwas darf sich nicht wieder holen. Sonst könnte die Quittung bei der nächsten Wahl noch verheerender als beim letzten Mal ausfallen.  Denn niemand in der Union sollte sich der Illusion hingeben, es könne für sie nicht noch viel schlimmer kommen. Ein kurzer Blick nach Wien zur Schwesterpartei ÖVP müsste hier genügen.

Die demonstrativ gelassene Reaktion Kretschmanns auf die neue Lage war vernünftig. Der Ministerpräsident muss integrieren statt Salz in die Wunden der CDU zu streuen. Zusammenführen und das Land nach vorn bringen – so heißt die Erfolgsdevise für den ersten Mann der Koalition.  Gelingt das Projekt, so dürften er persönlich und seine Partei wie beim Vorgängerprojekt grün-rot am meisten davon profitieren. Aber auch die CDU könnte dies nach Jahren des Niedergangs als gute Chance für den überfälligen Neuanfang nutzen.

Noch stärker als die Integrationskraft Kretschmanns ist daher jetzt die Fähigkeit von CDU-Landeschef  Thomas Strobl gefordert, die Unionsfraktion auf Kurs zu bringen. Seine Ministerriege muss sich ohne Heckenschützen aus den eigenen Reihen rasch profilieren können. Sonst verblasst die Union vollends gegenüber dem populären Landesvater Kretschmann – ein weiterer Schritt in Richtung relativer Bedeutungslosigkeit.

Auch Angela Merkel in Berlin ist von den jüngsten Ereignissen negativ betroffen. Denn eine schlecht aufgestellte Landes-CDU in diesem wichtigen Flächenstaat ist das Letzte, was sich die Kanzlerin mit Blick auf die Bundestagswahl 2017 wünschen kann.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)